«The Tudors»

Intrigen, Machtspiele und erotische Ausschweifungen prägen das Leben am englischen Hof unter Henry VIII. «The Tudors» ist die etwas andere Geschichtslektion.

Intrigen und Ausschweifungen, opulent inszeniert: Heinrich VIII. und Anne Boleyn in «The Tudors».

Intrigen und Ausschweifungen, opulent inszeniert: Heinrich VIII. und Anne Boleyn in «The Tudors».

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«The Tudors» läuft derzeit am Schweizer Fernsehen. Die ersten beiden Staffeln sind auch auf DVD erhältlich.

Während seiner Zeit als englischer König, 1509 bis 1547, verwandelte sich Heinrich der VIII. in ein fettes Monster. Des Morgens mussten ihn Diener mit dem Flaschenzug aus dem Bett hieven. Ein Vielfrass war er und ein Lüstling. Wie wollte man um eine derart unappetitliche Gestalt eine TV-Serie bauen?

Anderseits handelt es sich um jenen Herrscher der Tudor-Dynastie, zu dem englische Schulkinder den einfachen Memorierspruch lernen: «Geschieden, geköpft, gestorben. Geschieden, geköpft, hat überlebt.» Der Spruch bezieht sich auf die Abfolge der sechs Gattinnen. Mit Heinrich verheiratet zu sein, war gefährlich. Ein toller TV-Stoff, fürwahr!

«The Tudors», eine ursprünglich irische Produktion mit mittlerweile drei Staffeln, ist grosses Fernsehen. Erstes und zentrales Erfolgsvehikel: der Mann in der Hauptrolle. Jonathan Rhys Meyers sieht, krud gesagt, spitze aus und hat einen Wahnsinnsbody. Er sehe aus wie einer, «den man als seinen persönlichen Fitnesstrainer einstellen würde», fand die «New York Times». «Der heisseste Heinrich VIII. aller Zeiten», schrieb eine andere Zeitung.

Wenn Liebe zu einer Staatsaffäre wird

Natürlich hat dieser Rhys Meyers, der seinen neuzeitlichen SixpackBauch permanent entblösst, weil alle 15 Minuten eine Bettszene ansteht – natürlich hat dieser Rhys Meyers mit dem historischen Heinrich körperlich nichts gemein. Und tatsächlich gibt es in «The Tudors» gröbere Ungenauigkeiten, etwa bei der Abfolge der Päpste. TV will nun einmal eine gute Story gut erzählen! Wenn die reale Geschichte verwirrlich anmutet, wird sie im Skript eben zu mehr Klarheit korrigiert. Ist das so schlimm, liebe Geschichtslehrer? Letztlich wirkt diese Serie so stark auf des Zuschauers Gemüt, weil er das Geschehen überblickt und versteht.

Um einen König geht es, dessen Gattin ihm keinen Sohn gebären kann. Also möchte der König sich gern eine andere zur Gattin nehmen. Aber das ist eine Staatsaffäre. Denn die Gattin ist eine fromme Katholikin aus höchstem spanischem Adel, und der Papst erlaubt die Scheidung nicht. Was tut der König? Er sagt sich von Rom los, ernennt sich zum Oberhaupt der englischen Kirche, verstösst die Gattin und holt sich die nächste ins Gemach. Die lässt er später köpfen, als auch sie ihm keinen Thronfolger liefert.

Schauspieler Rhys Meyers spielt gekonnt und glaubwürdig vor, wie Heinrich sich über die Jahre verändert. Seelisch, wohlverstanden. Wie dieser Mann mit der absoluten Macht von den Idealen seiner Jugend abkommt und immer skrupelloser agiert. Den Zuschauer fasziniert dies besonders: Da ist einer König und kann alles tun, was er will, inklusive sich jede Frau nehmen. Wie lebt es sich in der absoluten Freiheit, und welchen Preis zahlt einer, der sie zum Bösen hin auslebt? Das ist der philosophische Aspekt.

Prinzipienfester Thomas Morus

Ein Vergnügen ist die Serie aber auch, weil sie opulent inszeniert ist: 105 Akteure, 1400 Statisten, 4 Millionen Dollar Drehkosten pro Folge. Dafür gibt es erstklassige Unterhaltung. Die allerbeste Nebenrolle legt Jeremy Northam hin. Er gibt Thomas Morus, den Grossintellektuellen der Epoche, unvergessen bis heute, weil auf ihn das Wort «Utopie» zurückgeht. Lordkanzler Morus ist ein Tugendbold von so untadeliger Sittlichkeit, dass er vom Katholizismus abtrünnige Leute persönlich Richtung Henker expediert. Als der König himself vom alten Glauben abspringt, muss Morus als Opfer der eigenen Prinzipienfestigkeit freilich selber über die Klinge springen.

Das sich über etliche Folgen entfaltende Drama des Thomas Morus allein ist es wert, «The Tudors» anzuschauen. Im Unterschied zum schulischen Geschichtsunterricht begreift man wirklich, was Reformation bedeutet: Wie sie den Menschen ihrer Zeit an die Seele geht, und bisweilen auch an den Leib. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2010, 15:59 Uhr

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1 KOMMENTAR

Benedict Schnyder

10.02.2010, 09:00 Uhr

Wurde Heinrich VIII im Alter so ein Ekel, gerade weil seine Kraft und Attraktivität dahinschwanden? Dies scheint der Autor gar nicht in Betracht zu ziehen. Ausserdem stand seine Herrschaft, eine Generation nach den Rosenkriegen, auf tönernen Füssen - ein Thronfolger musste her, damit Enlgand eine stabile Zukunft vor sich haben könnte. Diese beiden Faktoren erklären einiges an Henry's Verhalten.



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