«Ein hoher IQ ist kein Erfolgsgarant»

Der Erziehungsexperte Paul Tough zeigt den Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Charakterstärke auf. Mut und Widerstandskraft können geübt werden. Trump könne sich für die US-Bildungsförderung als Gefahr erweisen.

Aus Harlem an die Spitze der Leistungsgesellschaft: Amerikanische Studenten feiern ihren College-Abschluss in New York. Foto: Mike Segar (Reuters)

Aus Harlem an die Spitze der Leistungsgesellschaft: Amerikanische Studenten feiern ihren College-Abschluss in New York. Foto: Mike Segar (Reuters)

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Donald Trump hat Betsy DeVos als Bildungsministerin berufen, eine umstrittene ultrarechte Milliardärin aus Michigan. Gerät das kränkelnde US-Bildungswesen jetzt noch mehr unter Druck?
Alles ist ungewiss. Allerdings klingt nicht gut, was man aus Michigan hört: Steuergeld wird von öffentlichen Schulen abgezogen und fliesst in Privatschulen, besonders religiös geprägte. Und die Performance von Schülern solcher – von DeVos gestützten – Privatschulen scheint unterdurchschnittlich. Ich habe etwas Sorge, dass eine Bildungsministerin DeVos einen negativen Einfluss haben könnte und ganzheitliche Reformen ausgebremst werden. Die Bildung hier steht ja sowieso auf schwachen Füssen, und DeVos will die Lenkungsgewalt und Kontrolle des Staates noch mehr schwächen. Dabei schneiden die USA im internationalen Vergleich, etwa beim Pisa-Test, nicht gut ab. Und es herrscht eine grosse soziale Ungleichheit: Kinder aus ärmeren Familien haben deutlich weniger Chancen, es bis zum College-Abschluss zu bringen. In Kanada etwa, wo ich als Sohn einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bin, spielt der familiäre Hintergrund für die Schulkarriere klar eine geringere Rolle.

Ihr Bestseller «Die Chancen unserer Kinder» (2013) sagt, wo Bildung ansetzen muss, damit alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen. Der deutsche Untertitel lautet «Warum Charakter wichtiger ist als Intelligenz». Wieso?
Lang glaubte man, dass man, quasi vom Embryo an, die kognitiven Fähigkeiten trainieren müsse; dass der IQ den Lebenserfolg ausmache und frühe intellektuelle Stimulation ein Schlüsselfaktor sei. Und man fokussierte auf Kompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben. Doch es zeigt sich, dass ein hoher IQ kein Erfolgsgarant ist und es Wichtigeres gibt: die nicht kognitiven Fähigkeiten, die einen stabilen Kompetenzenerwerb überhaupt erst ermöglichen. Um in Schule und Leben Erfolg zu haben, braucht es vor allem Mumm und Ausdauer, Neugier und jene starke Motivation, die einen dranbleiben lässt, wenn es schwierig wird; Fleiss und die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub. Es braucht Resilienz: Kraft und Selbstvertrauen, um nach einem Rückschlag wieder aufzustehen.

Stichwort Belohnungsaufschub: Der Aspekt wird seit einem legendären Experiment in den 60er-Jahren intensiv erforscht.
Hochkarätige Studien wie die von Angela Duckworth, Neurobiologin und Psychologin an der Universität von Philadelphia, erklären die entscheidende Rolle von «grit» (deutsch etwa Mumm, Charakterstärke, Schneid ); ihr neues Buch heisst «Grit, die neue Formel zum Erfolg». Und Stanford-Psychologin Carol Dweck forscht über etwas, das sie in «Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge und Niederlagen bewirkt» als «Wachstums-Selbstbild» darstellt: Ohne dieses tritt man auf der Stelle. Ein gutes emotionales Umfeld ist fürs heranwachsende Menschenkind zentral, um genau solche «Mindsets» und Nehmerqualitäten auszubilden, mit denen man Misserfolge zum Lern­prozess ummünzen kann.

Und wenn das Umfeld fehlt?
Rund die Hälfte aller Schulkinder in den USA sind so arm, dass sie das Recht auf eine subventionierte Schulmahlzeit haben. Arme Kinder erleben daheim und im Umfeld häufig chronischen Stress. Dadurch wird die Ausbildung einer resilienten Psyche erschwert. Neurowissenschaftler sprechen von «toxischem Stress»: Er versetzt Menschen in einen permanenten Alarmzustand, den sie nicht reflektieren können; das Gehirn kann durch den ständigen Beschuss mit Stresshormonen geschädigt werden, seine Aufnahmefähigkeit kann leiden. Die Menschen reagieren dann irrational, fluchtbereit, aggressiv – was in der Schule zu noch mehr Stress führt. Ein Teufelskreis.

Sie stellten aber ähnliche Defizite bei Kindern reicher Eltern fest.
Die «nährende» Beziehung zu einem Erwachsenen – vorzugsweise den Eltern – fehlt oft im armen wie im sehr reichen Umfeld. Dass sie essenziell ist, beweist die neue Resilienz- und Bindungsforschung. Allerdings setzt der Mangel bei reicheren Kindern bisweilen erst im Teenageralter ein: Die Eltern sind beruflich eingespannt, und auf dem Kind lastet ein immenser Erwartungsdruck, mit dem es alleingelassen wird. Man findet also an beiden Enden der Gesellschaft nicht selten eine zu geringe mütterliche Bindung, eine überkritische Haltung der Eltern, deren emotionale wie auch physische Absenz und zu wenig Betreuung nach der Schule.

Am Ende fallen trotzdem die ärmeren Kinder durch die Maschen.
Geld kann Unterstützung kaufen, einen Plan B oder C finanzieren, aber kein verändertes Selbstbild. Es ist keine echte Hilfe, alle Hürden wegzuräumen, hohles Lob auszusprechen. Das «Self-Esteem Movement», wie es heute genannt wird, hat den Kindern sehr geschadet. Sie benötigen ein herangereiftes Selbstvertrauen, dass sie Herausforderungen meistern können – kein leeres, auf nichts fussendes Gefühl von Grösse. «Geschenk der Niederlage» lautet daher ein Slogan.

«Es ist zentral, Nehmerqualitäten zu entwickeln, mit denen man Misserfolge zum Lernprozess ummünzt.»

Ist eine kritische, fordernde Haltung gegenüber Kindern hilfreich?
Vorsicht! Einem Kind wohlwollend zu begegnen und ihm dabei ein realistisches Feedback zu geben, ist keineswegs mit einer grundsätzlich «kritischen Haltung» gleichzusetzen. Als man vor einigen Jahren feststellte, dass viele US-Schüler ihre Mathematikkompetenzen grob überschätzen und es grossen Nachholbedarf gibt, verschrieb man sich dem Dauertesten und dem obsessiven Ranking. Vielerorts setzte man auf Druck, Drill, Disziplin, eine Nulltoleranzpädagogik. Das ist kontraproduktiv. Frust im Unterricht und die Ödnis von Routine führen nirgends hin. Eine Pädagogik, die dem Kind ständig seine Schwächen vorführt, ist fatal. Es gilt, Kinder darin zu bestärken, dass sie sich, bei allen Kämpfen mit der Sache, geborgen fühlen dürfen und ihre Ziele erreichen können.

Negativfeedback und harte Auslese im Bildungssystem lehnen Sie ab?
Systeme mit solcher Pädagogik erzielen keine besseren Resultate, im Gegenteil. In Japan und Deutschland – zwei Ländern, die beim Pisa-Test signifikant besser abschnitten als die USA – legt man etwa beim Mathe-Unterricht viel mehr Wert auf die Lust an der Lösungssuche; die Lösung als solche ist nicht so wichtig. Konstruktiv mitdenken werden Schüler nur, wenn man ihnen das Gefühl gibt, ein geschätztes Mitglied der Klasse zu sein. Dann haben sie die Courage, auch mal falschzuliegen, und die Neugier, einfach mal einen Lösungsweg vorzuschlagen, auszuprobieren. Zugehörigkeit und Herausforderung: Dieser Geist sollte in allen Fächern, an allen Schulen, wehen – und daheim. Das Geborgenheitsgefühl muss früh gepflanzt werden.

Sie denken über die Schule hinaus. Für Ihr Buch «Whatever It Takes» (2008) haben Sie über vier Jahre ein Grossprojekt in Harlem erforscht, das erstaunliche Erfolgsquoten hat.
In New York hat Geoffrey Canada, ein Aktivist, der selbst in der Bronx aufwuchs, ein Projekt hochgezogen, das Gene­rationen armer Kinder eine neue Chance gab: die Harlem Children’s Zone, die Barack Obama 2008 als Hoffnungsmodell lobte. Dieser Tage wollte Obama ein Last-Minute-Bildungsgesetz für arme Kinder einführen. (Mittlerweile ist er damit gescheitert, Anm. d. Red.) Obama sagt, man solle nicht einzelne Symptome der Armut behandeln, sondern das System als Ganzes heilen. Die «Zone» tut genau dies mit einem «Förderbandsystem», das ich in «Whatever It Takes» beschreibe. Da werden schon Schwangere niederschwellig angesprochen, zu Kursen über den stärkenden Umgang mit Neugeborenen eingeladen. Es gibt Erziehungsworkshops, Vorschulprogramme, Gesundheitsförderung und gute Schulen. Eins greift ins andere, die Betreuung lässt bis ins College nicht nach. 12'000 Kinder und 12'000 Erwachsene werden jährlich erreicht. Und siehe da: Die «Zone» hat die Kette von Armut und Misserfolg zerrissen! Kinder erlangen dort überdurchschnittlich häufig einen College-Abschluss, werden selbstständige und autonome Erwachsene.

«Wichtig ist, dass die Neugier nicht durch langweilige Routine getötet wird.»

. . . und also gut angepasste Rädchen in unserer Leistungsgesellschaft?
Schon früher gabs diese Kritik. Und in gewisser Weise stimmt das. Aber was ist die Alternative? Keinen Abschluss zu haben, nicht mal mit den Formularen der Sozialhilfe zurechtzukommen: Das führt zu vielen Problemen und typischerweise zu einem unglücklichen Leben am Rand der Gesellschaft. Und kostet uns alle.

Kann man gute Bindungen wirklich beibringen, Resilienz lehren, ein ganzes Umfeld danach umbauen?
Seit ein paar Jahren versuchen diverse US-Schulen in wohlhabenden und ärmeren Gegenden, nicht kognitive Fähigkeiten im Unterricht und als Schulgeist zu pflegen; da gibts viel Engagement, und da sollte Unterstützung hin. Gerade ist man dabei, herauszufinden, wie man Charakter am besten fördert und das auch misst. Charakter ist keine fixe Grösse, kein Schicksal, man kann so viel verändern! Aber es ist klar, dass Eltern und Lehrer Charaktereigenschaften meist eher unbewusst formen.

Wie geschieht die Prägung?
Etwa durch Lob: «Super, da hast du hart dran gearbeitet.» So ein Satz hat eine ganz andere Wirkung als «Super, das ist gut geworden». Das ist einem oft nicht bewusst. Das Harvard Center on the Developing Child hat die Interaktionen im Babyalter untersucht: Wie schnell und aufmerksam die Bezugsperson auf eine Babyregung reagiert, macht tatsächlich einen Unterschied für dessen Entwicklung. Mein neues Buch «Helping Children Succeed» hat solche konkreten ­Situationen im Auge.

Ihre Söhne sind zwei und sieben Jahre alt. Haben Ihre Recherchen Ihr Verhalten als Vater verändert?
Wir versuchen, ein warmes, nährendes, stressfreies Zuhause zu schaffen: ein neurologisch gesundes Daheim, wenn man so will. Und ich bin entspannt, was spezifische Kenntnisse angeht, die an unserer kleinen öffentlichen Schule in Montauk gelehrt werden oder eben nicht; ich selbst habe das College ja abgebrochen. Wichtig ist, dass die Neugier nicht durch langweilige Routine getötet wird. Und dass Kinder einen Rückschlag nicht als Weltuntergang empfinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2017, 18:10 Uhr

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Paul Tough

Paul Tough, Jahrgang 1967, Vater zweier Kinder, wuchs in Toronto als Sohn einer allein erziehenden Primarlehrerin auf. Seit 1988 ist er in New York als Journalist für Radio und Zeitschriften tätig («New York Times Magazine», «Harper’s Magazine»). Sein Bestseller «Die Chancen unserer Kinder» wurde in rund 30 Sprachen übersetzt (auf Deutsch bei Klett-Cotta). Zuletzt ­erschien «Helping Children Succeed: What Works and Why» (2016).(ked)

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