Alles unter Kontrolle?

«Literaturclub»: Die Ablösung von Stefan Zweifel hat zu einem Eklat geführt. Er offenbart die wahren Probleme der Sendung.

Stefan Zweifel (links) konnte als Moderator seine Kritiker-Qualitäten nicht ausspielen. Foto: SRF (Siggi Bucher)

Stefan Zweifel (links) konnte als Moderator seine Kritiker-Qualitäten nicht ausspielen. Foto: SRF (Siggi Bucher)

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Gut, müssen wir uns nicht den Kopf des SRF zerbrechen, das gerade einen klugen Kopf verloren hat. Stefan Zweifel hat, nachdem seine Redaktionsleiterin Esther Schneider ihn als Moderator abgesetzt hat, mit einem Wutmail reagiert und seinerseits den Rückzug Schneiders gefordert: weltfremd, aber verständlich. Denn eine Umwandlung seiner Moderatoren- in eine blosse Diskussionsteilnehmerrolle, wie sie die «Literaturclub»-Redaktion wollte, mag eine gute Idee sein – aber nur in der Theorie.

Faktisch ist es eine Degradierung, für eine exponierte und empfindliche Persönlichkeit wie Zweifel extrem kränkend. Wenn überhaupt, hätte eine so heikle Operation nur im Einvernehmen und mit Übergangszeit gelingen können. Dass sie so katastrophal misslungen ist – mit einem Eklat, ohne Nachfolgelösung in der Hinterhand –, spricht für mangelnde Professionalität.

Der «Literaturclub» ist keine einfache Sendung. Sie ist beliebt beim Publikum, mit guten Quoten für diese Sparte. Sie ist Gesprächsstoff unter Bücherfreunden, sie regt zur eigenen Lektüre und zur Urteilsbildung an. Vergleicht man sie mit Pendants in Deutschland, kann die Schweiz stolz sein auf dieses Format und auf einen Sender, der daran festhält.

Zugleich ist der «Literaturclub» unentwegt reformiert und relauncht worden. Das hat mit der medialen Entwicklung zu tun – mehr Konkurrenz, mehr Tempo überall –, aber auch mit grösserer Unsicherheit im Schweizer Fernsehen. So gut wie mit Kritikern wie Gunhild Kübler, Gabriele von Arnim, Andreas Isenschmid und mit einem Moderator wie Daniel Cohn-Bendit ist der «Literaturclub» nie wieder geworden. Das hat mit diesen Personen zu tun, für die nicht leicht gleichwertige zu finden sind, aber noch mehr mit dem wachsenden Kontrollanspruch der Redaktion.

Seltsame Re-Reform

Schon der überaus brillante Roger Willemsen warf die Brocken hin, weil ihm zu viel hineingeredet wurde bei der Titelauswahl. Iris Radisch, deren Moderationsqualitäten das Bar-Setting und die Zerhackung der Sendung mit Trailern und anderen Sperenzchen beeinträchtigten, wirkte am Ende ihrer Amtszeit ausgesprochen unglücklich. «Zurück zum Gespräch» hiess dann die Devise der Re-Reform. Ein richtiger Ansatz, allerdings gefolgt von einer seltsamen Personenkonstellation.

Die Runde besteht seither aus zwei deutschen Altstars, von denen der eine, Rüdiger Safranski, stets nur nach langem Anlauf zum Punkt kommt, die andere, Elke Heidenreich, eine rhetorische Dampfwalze, Wert aufs Rechthaben legt. Dazu die muntere Schweizerin Hildegard Keller oder eine helvetische Proporzlösung. Vor allem aber ein Moderator, der diese Rolle zwar ernst nahm, sich in ihr aber sichtlich nicht wohlfühlte. Stefan Zweifels Qualitäten als Kritiker kamen in der Doppelrolle nicht zum Tragen. Und wenn er sie auspackte, behinderten sie ihn bei seiner eigentlichen Aufgabe, die Diskussion zu leiten und zu lenken.

Wenn die Redaktion ihm das jetzt vorwirft, fällt das auf sie selbst zurück: Sie hat ihn schliesslich ein- und ihm die beiden Hüte aufgesetzt. Aus der Erkenntnis, hier geirrt (und zwei andere Moderatoren vergrault oder verschlissen zu haben), könnte eine weitere wachsen: sich künftig mehr zurückzuhalten. Wer gute Leute holt, muss ihnen Freiraum geben. Sie machen schliesslich die Sendung.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.05.2014, 07:23 Uhr)

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