«Dös is ja wie bei ‹Breaking Bad›»

Der «Tatort» ist wieder da, und wie! Denn eins der Lieblingsduos der Krimi-Reihe machte den Auftakt in die neue Saison.

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Ta ta, der «Tatort» ist wieder da, und wie! Denn diesmal macht eins der unumstrittenen Lieblingsduos den Auftakt im Herbst: die Österreicher mit den Haaren auf den Zähnen und dem Herzen am rechten Fleck. Also Ex-Alki und Burnout-Opfer Bibi Fellner (brillant bissig: Adele Neuhauser), Majorin in der Mordkommission – ein solcher Titel muss sein, wo samma denn – , sowie Oberstleutnant Moritz Eisner, der immer aus der Wäsche schaut wie ein französischer Bully, dem man gerade einen Knochen abgeluchst hat (ein wie stets erstklassiger Harald Krassnitzer). Den er sich aber ganz bestimmt wieder zurückschnappen wird. Diesmal ist der Knochen ein schönes Stück Ferien, endlich. «Uns beiden tuts amal ganz gut, wenn wir uns a paar Tage net sehn», brummelt Bibi gerade, als das Telefon klingelt.

Nein, es ist nicht der Job, aber der Tod ist es trotzdem. Ihr Vater, den sie seit Jahren meidet, liegt im Sterben, in einem Seniorenheim in der Steiermark. Darum geht es jetzt nicht auf nach Kreta, sondern ab in die austriakische Provinz. Der Vater war ein Säufer, der sein Geld verprasste und seine Tochter regelmässig windelweich schlug, aber das letzte Adieu will diese ihm nicht verweigern – genauso wenig wie Eisner seiner hassgeliebten Kollegin seine moralische Unterstützung. Als die Majorin auf Urlaub dann von ihrem Vater einen Umschlag mit 32'400 Euro erbt, kann sie es kaum glauben. So wird aus dem Urlaub handkehrum eine verdeckte Ermittlung, samt heimlicher Obduktion des Vaters und offizieller Obduktion seines ebenfalls plötzlich verstorbenen Zimmergenossen.

Plot ist hanebüchen, Sprüche sind flott

Seien wir ehrlich: Der Plot ist schon ein wenig hanebüchen und wird immer abstruser, je mehr Blut fliesst. Da verbringen Rentner triste Existenzen in dem noch viel tristeren Steiermarker Loch, fahren jeden Mittwoch mit dem Bus nach Ungarn und bringen jeden Donnerstag Geld zur Bank. «In Österreich ist es halt nicht so leicht, mit der Mindestrente durchzukommen», meint einer der verzweifelten Pensionäre und benennt damit das Hauptthema der Folge: die Altersarmut. Hier ein wunderbarer Flugreisen-Aficionado mit Falten (Johannes Silberschneider), der nur im Kopf abheben kann; da Burgschauspieler Branko Samarovski als pensionierter Special Agent, der sich unauffällig unter die alten Leutchen mischt, unter denen der Serienstar und Silver Ager Peter Weck («Ich heirate eine Familie») die Hauptrolle spielt.

Der deutsche Drehbuchautor und «Tatort»-Habitué Uli Brée hat nicht einfach eine Action-Sause rund ums ewige Thema Drogenschmuggel und Designerdroge geschrieben, sondern fokussiert konsequent auf seine Gesellschaftskritik. Und zoomt, im Nebenbei, so schön dicht ans Innenleben der Starermittler heran, wie es selten vorkommt im «Tatort». Der Wiener Regisseur Harald Sicheritz hält ihm dabei die Stange und räumt dem bitterbösen Schmäh, den sprechenden Augenblicken und den bezeichnenden Beziehungsmomenten das Kameraauge frei. Im Grossen geht es um den strapazierten Generationenvertrag, im Kleinen um Vater-Kinder-Verhältnisse, die in «Paradies» bei allen recht höllisch ausfallen, bei den Ermittlern ebenso wie bei den Verdächtigen. Als sich später als Kern des Krimis eine Crystal Meth-Story herauskristallisiert und Eisners grantiger Chef kommentiert: «Dös is ja wie bei Breaking Bad», hat die unschuldige Frage des forensischen Pathologen denn auch durchaus einen selbstironischen Drall. «Was is’ des?»

Nichts jedenfalls, was für «Paradies» – das es hier natürlich für keinen gibt – furchtbar relevant wäre. Die grossartigen flotten Sprüche einerseits und die grossartigen lähmenden Verlorenheiten andererseits sind es dafür umso mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.09.2014, 07:11 Uhr)

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