Atomarer Showdown in Ernstbrunn

Die Weiche richtig gestellt, aber die Welt bleibt schlecht: Wie die Wiener «Tatort»-Kommissare die Lieferung ins iranische Atomprogramm nur vielleicht stoppen konnten.

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Weil die Kommissare des «Tatort» ja an der Welt leiden müssen, bekommen sie es immer wieder mit Mördern aus dem Prekariat oder mit dem lokalen Frauenhändlerring zu tun – in besonders drangsalierenden Fällen aber auch mit nichts weniger als den Grossmächten des Ungemachs. Dann sehen wir zum Beispiel den Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und die Bibi Fellner (Adele Neuhauser) durch Wien recherchieren, und sie sagt zu ihm: «Wir zwei mitten in einem Agentenkrimi, was?»

Tatsächlich ist das pittoreske Polizistenduo im Begriff, gegen die Agenten des iranischen Atomprogramms anzutreten, aber auch gegen die des israelischen Geheimdienstes sowie gegen das genretypische Geklungel von Wirtschaftsführern mit ranghohen Politikern. Was man folglich schon zu Beginn von «Deckname Kidon» ahnt, der gestern ausgestrahlten Folge des Wiener «Tatort»: Der Fall wird zwar aufgeklärt, der Schuldige aber nicht zur Rechenschaft gezogen, die Welt bleibt schlecht.

Ein schöner Lockvogel

Dem absehbaren Ende zum Trotz hat Thomas Roth über dem Drehbuch von Max Gruber einen fadengerade spannenden Politthriller inszeniert. Nur selten schert der Film in die Ironie aus, dann aber à point, und dann endet die Verfolgungsjagd von Eisner/Fellner mit einem Güterzug nicht etwa, wie es sich für einen «Agentenkrimi» gehörte, mit einer Explosion des Zugs im Tunnel, sondern durch einen Weichenwechsel auf dem Provinzbahnhof von Ernstbrunn.

Sonst aber herrscht hier ein ganz bitter weltläufiger Ernst, angefangen beim Sturz des iranischen Diplomaten und Atomphysikers aus dem sechsten Stock seines Wiener Hotels, sodann in der Abhörattacke des schönen Mossad-Lockvogels auf Eisners mobiles Telefon, und schliesslich im Sechsmillionendeal, in dem 2500 Ventile am internationalen Embargo vorbei ins iranische Atomprogramm verschoben werden sollen.

Der Lobbyist als Landwirt

Die Schlüsselrolle kommt dabei dem barocken Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé zu, einem von Udo Samel maliziös geschmacklos ausgestatteten Lobbyisten, der sich als Landwirt wähnt, weil er halt gerne sieht, «wie etwas wächst und gedeiht». Und während seine Frau noch an einer Gala für die armen Kranken von Tansania sammelt, marschieren seine fünfzehn Anwälte schon gegen den armen Anwalt des Staates Österreich, der das Dossier von 300 000 Seiten ganz alleine zu bearbeiten hat.

«Sie können nicht gewinnen», sagt Trachtenfels-Lissé folglich zu Eisner/Fellner, und da hat er wohl Recht, weil ja mittlerweile selbst den Figuren des «Tatort» nicht entgeht, dass seine Kommissare an der Welt zu leiden haben. Was aber der Mossad vom klischierten Ende einer höchst unterhaltsamen Krimirecherche hält, das verraten wir mal lieber nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.01.2015, 21:42 Uhr)

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