Big Brother Buddenbrook

SRF schickt mit der Sommerserie «Anno 1914» wieder Laienschauspieler auf Zeitreise. Der Anfang überzeugte – doch die wirklich spannenden Folgen kommen erst noch.

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Welches Wissen vermittelt die Sendung? Ist sie unterhaltsam? Welche politische Haltung liegt ihr zugrunde? Das sind die drei Kernfragen, die sich bei jeder Histotainment-Sendung aufs Neue stellen. So auch bei der am Montagabend lancierten, im Vorfeld heftig beworbenen SRF-Inszenierung «Anno 1914».

TV-Geschichtslektionen dieser Art sind seit langem schon bewährt und beliebt, auch bei SRF – denn sie kombinieren nicht allein Geschichtswissenschaft mit Unterhaltung, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag mit sehr respektablen Quoten. Bereits machte man eine Zürcher Grossfamilie zu Pfahlbauern oder schickte eine Prophylaxeassistentin auf einen Hof, der aussah «wie zu Gotthelfs Zeiten».

Das Weltkriegsjubiläum gibt nun den Anlass für «Anno 1914». Während der ersten Folge werden die Protagonisten vorgestellt: die ärmliche Arbeiterfamilie Büchi und die Fabrikantenfamilie Thaler, deren Oberhaupt in seiner merkantilen Feistigkeit gewissen Figuren in Thomas Manns «Buddenbrooks» in nichts nachsteht.

Der konkrete Lerneffekt

Die Sendung wird zu weiten Teilen von improvisierenden Laienschauspielern wie den Büchis bestritten. Sie werden vor geschichtstypische Herausforderungen gestellt (etwa revolutionäre Umtriebe in der Fabrik), die von Schauspielprofis gezielt kreiert werden.

Die im zürcherischen Bauma für die Büchis errichtete Kulisse ist so imposant wie akkurat. Im Materiellen liegt denn auch der konkrete Lerneffekt der Sendung: Der Zuschauer sieht, wie damals eine Webmaschine funktionierte oder wie eine Schreibstube eingerichtet war. Jedes Kleidungsstück, jedes Möbel und jedes Utensil betont dabei die Unterschiede der Klassen – mit bemerkenswerten psychologischen Folgen: Die Büchis oder das Dienstmädchen schienen tatsächlich und über das erwartbare Mass hinaus eingeschüchtert.

«So cool!»

Andererseits hat der Einsatz von Laienschauspielern auch Verfremdungseffekte zur Folge, die ein komplettes Eintauchen in die damalige Zeit verunmöglichen, zugleich aber auch für reichlich Amüsement sorgen. «So cool!», rufen die kleinen Büchis, als sie ihre Klause erstmals besichtigen dürfen. Kurz darauf klagen sie lauthals über die garstig-haarigen Zahnbürsten, an die sie sich nun gewöhnen müssen. Viele Zuschauer werden jetzt sehen wollen, wie sich die Ad-hoc-Proletarier in anachronistischer Umgebung zurechtfinden und welche Fauxpas ihnen noch unterlaufen werden.

Und spannend ist nicht zuletzt auch, wie sich das Schweizer Fernsehen zu den grossen Fragen der ausgehenden Belle Epoque stellt. Im Gegensatz zu seinen früheren Histotainment-Sendungen ist «Anno 1914» nämlich gesellschaftspolitisch brisant: Waren letztlich alle Fabrikbesitzer Unterdrücker? Was ist von ihrem Paternalismus zu halten? Was leistete die SP, wie verhielten sich Konservative und Liberale? Auch deshalb lohnt es sich, in den kommenden Tagen einen Blick auf «Anno 1914» zu werfen.

Wie hat Ihnen die erste Folge von «Anno 1914» gefallen? Meinungen bitte unten ins Forum eintragen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.08.2014, 08:17 Uhr)

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Sendungsdaten

«Anno 1914 – Die Fabrik», 4. bis 22. August, jeweils Montag bis Freitag von 19.05 bis 19.25 Uhr. Hier gehts zur ersten Folge. Historische Hintergründe liefert die Sendung «Anno 1914 – Die Wochenschau», jeweils Freitag von 20.55 bis 21.50 Uhr.

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