«Club»: Teuer operieren oder günstig sterben lassen?
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 27.05.2009 9 Kommentare
«Club»-Moderator Röbi Koller.
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Bei unheilbar kranken Krebspatienten sei eine Verlängerung des Lebens «à tout prix» nicht angebracht: Es ist eine brisante These, die CVP-Präsident Christophe Darbellay kürzlich ins Spiel brachte. Im «Club» nahm man die Steilvorlage dankbar an. Unter der Leitung von Röbi Koller diskutierten Vertreter aus Politik, Gesundheitswesen und Kirche.
Schnell zeigte sich, dass das Thema nicht auf eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung herauslaufen würde. Selbst Christophe Darbellay, der im Vorfeld gefragt hat, ob man 50'000 Franken ausgeben müsse, um Krebs zu behandeln, wenn es keine Hoffnung mehr gebe, betonte gestern wiederholt, dass es ihm primär um den ethischen Aspekt gehe: Welche Eingriffe sind Unheilbaren zuzumuten? Wie weit soll/darf man gehen?
Kosten-Nutzen-Moral
Auch in der Runde sass Doris Fiala. Die FDP-Nationalratin erzählte von ihrem schwerkranken Vater, der nach einer Operation an Nebenwirkungen litt, vor denen ihn niemand gewarnt hatte. Im Sinne des mündigen Patienten forderte Fiala deshalb mehr Informationen für Patienten. Zumal der Wunsch des Patienten nicht immer an oberster Stelle stehe – denn solange «ein Maschinchen läuft, verdient jemand Geld.» Da hat Doris Fiala bestimmt recht, bloss: Wer genau ist das? Die Pharmaindustrie? Das Spital? Einzelne Ärzte? Fragen, die gestern leider nicht beantwortet wurden.
Lieber stürzte man sich in ethisch-moralische Grundsatzdebatten. Wobei man angesichts des heiklen Themas vorsichtig und höflich miteinander umging. Fast liessen sich keine unterschiedlichen Meinungen ausmachen – dabei hiess es in der Ankündigung, die Kirche habe gegenüber Darbellays Absicht, die Palliativemedizin zu verstärken, massive Bedenken. Bloss: Selbst Roland-Bernhard Trauffer, Präsident der Ordinarienkonferenz der Deutschschweizerischen Bischöfe, hatte kein Problem mit Palliativpflege.
Immerhin gab sich der Kirchenmann ob einer «Kosten-Nutzen-Moral» besorgt. Das war das Stichwort von Röbi Koller. Doch jedesmal, wenn er die Diskussion Richtung Kostenfrage drehen wollte, machte ihm jemand mit einem ethischen Einwand buchstäblich einen Strich durch die Rechnung. So auch Krebsexperte Professor Thomas Cerny, der erklärte, dass ökonomische Argumente in der Angelegenheit falsch seien: Es gehe am Ende immer um die Verlängerung der Lebensqualität des Patienten. Ob mit einer Operation oder Palliativpflege, müsse von Fall zu Fall entschieden werden.
Hohelied auf die Patientenverfügung
Das klang vernünftig, ein bisschen zu vernünftig, um das Klischee des operationsgeilen Arztes zu bedienen. Zum Glück für Röbi Koller gabs da noch Frau Margrit Kessler, die Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation. Sie wusste von Fällen, in denen Chirurgen Patienten zu Operationen überredet haben sollen. Kesslers Tipp: Falls man es mit einem solchen Arzt zu tun bekomme, soll man ihn fragen, was er seiner eigenen Mutter in dieser Situation empfehlen würde. Ein weiterer Gast der Runde, Peter Suter von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, sang derweil das Hohelied auf die Patientenverfügung.
Die Schlüsselfrage aber wurde weiterhin geflissentlich ausgespart: Welche medizinische Versorgung will sich eine Gesellschaft zu welchem Preis leisten? Die finanziellen und technischen Ressourcen sind begrenzt. Überspitzt formuliert: Wenn ein Arzt vor der Entscheidung steht, ob er das Leben eines 90-Jährigen oder jenes eines jungen Familienvaters retten will, was tut er dann? In Skandinavien verfügten die Länder über ethische und medizinische Kriterien, um diese Entscheide zu fällen. In der Schweiz, so viel wurde gestern im «Club» klar, ist man davon noch weit entfernt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.05.2009, 10:39 Uhr
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9 Kommentare
Es geht hier nicht um eine Kosten-/Nutzenrechnung. Sondern vielmehr darum, ob ein Leben mit dem bestehenden Leiden lebenswert ist oder nicht. Leider kommt es vermehrt vor, dass die Angehörigen einen Menschen "nicht gehen lassen" wollen, obwohl der/die Betroffene sterben möchte. Müssten sich aber diese Angehörigen persönlich um den/die Kranken kümmern, würde die Denkweise evtl. revidiert Antworten
Meine Frau ist vor 14 Jahren 60jährig an Brustkrebs gestorben. Im Endstadium liess der Chefarzt des Kantonsspitals Olten die Familie kommen und teilte mit, dass sie medizinisch nicht mehr zu retten sei. Der Krebs hatte den ganzen Körper befallen. Auf eigenen Wunsch verzichtete sie auf Verlängerung des Leidens, und meine 3 Kinder und ich gaben schriftlich Zustimmung. Sie starb in unserem Beisein. Antworten
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