Kultur

«Das Stofftier ist mindestens so wichtig wie sein Klavierspiel»

Von Jonathan Spirig. Aktualisiert am 13.12.2011 4 Kommentare

Mit Ricky Kam und Jörg Perreten sorgen in Deutschland gleich zwei Schweizer Pianisten für Furore. Ein Klassikexperte bezweifelt jedoch, dass die beiden den Erfolg ihrem Talent zu verdanken haben.

1/6 Das kleine Talent zeigt seine Zauberhände.
Bild: zvg/rtl

   

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Gerhard Müller, Direktor Musik Konservatorium Bern.

(Bild: zvg)

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In der RTL-Castingshow «Das Supertalent» sind zwei Schweizer auf Erfolgskurs. Der 6-jährige Ricky Kam aus Muri und der 23-jährige Oberländer «Punk» Jörg Perreten haben dank ihren Klavierkünsten den Einzug ins Finale der Show geschafft.

Während die beiden Musiker im Nachbarland hoch gejubelt werden, zeigt sich Gerhard Müller, Direktor der Musikschule Konservatorium Bern, kritisch. Ricky Kam sei zwar ein absolutes Ausnahmetalent, die Show sei aber keine optimale Tragfläche für dessen Ausbildung. «Jeder sieht, dass in diesem Jungen Potenzial steckt. Ob die Show allerdings der richtige Rahmen ist um Talente zu fördern, da mache ich ein grosses Fragezeichen dahinter».

Unkritisches Publikum

Zu Jörg Perreten könne er nicht viel sagen, erklärt Müller. «Ich habe mir einen Auftritt angeschaut und der erschien mir sehr mässig», urteilt der Experte. «Wir haben am Konsi Bern 700 Klavierschüler und da sind unzählige dabei, die besser spielen.»

Müller fragt sich auch, wer in dieser Show überhaupt das Talent der Kandidaten beurteilen will. Die Show sei beliebig und Dieter Bohlen sei für ihn keiner, der im Bereich der musikalischen Talentförderung herausragende Fähigkeiten besitze.

Dass Perreten und Ricky Kam den Finaleinzug geschafft haben, wundert Gerhard Müller indes nicht. Die Kultur, gerade im Privatfernsehen, habe sich verändert. «Es geht vor allem um Show und Sensation.» Für den Erfolg von Ricky Kam spiele das Stofftier auf dem Klavier mindestens genau so eine grosse Rolle wie sein Klavierspiel.

Keine Förderung à la Mozart

Gerhard Müller betont bei aller Kritik aber auch, dass Ricky freiwillig Klavier spiele und das sicher auch gern mache. Die Tatsache, dass das sechsjährige Ausnahmetalent derart gepusht wird und künftig herumgereicht werden könnte, macht ihm aber hörbar Sorgen. Ricky sei zwei Monate in der Talentförderung des Konservatoriums gewesen, man sei sich mit dessen Vater aber uneinig gewesen, was die Teilnahme bei «Das Supertalent» angehe.

«Wir hätten gerne mit Ricky weitergearbeitet, halten aber nichts davon, einen Sechsjährigen ohne die entsprechenden Grundlagen in die Medienwelt zu katapultieren», berichtet Müller weiter. Die Show werde seinem Talent schlicht nicht gerecht und bereite ihn nicht sauber auf eine Karriere vor, wie das beispielsweise von Mozarts Vater gemacht worden sei.

Die Auftritte des sechsjährigen Ausnahmetalents PR-mässig auszuschlachten sei im Konservatorium Bern nie ein Thema gewesen. «Wir wollten keine Anreize schaffen, Kinder in diesem Alter so zu pushen», das sei nicht die Linie des Konservatoriums Bern. Dass die beiden Berner für einen Klavier-Boom sorgen könnten, bezweifelt der Direktor der Musikschule ebenfalls. Klavier zeige bei der Beliebtheit eine erstaunliche Konstanz. Dies sei schon seit Urzeiten so. Geändert habe sich nur die stilistische Breite.

Das Finale der RTL-Castingshow wird am 17. Dezember ausgetragen. Die beiden Berner müssen sich dort gegen acht weitere Teilnehmer behaupten. In der Jury der Show sitzen Dieter Bohlen, Sylvie van der Vaart und Motsi Mabuse. Das zweite Halbfinale wurde gemäss RTL zu Spitzenzeiten von über 7 Millionen Zuschauern angeschaut. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.12.2011, 17:01 Uhr

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4 Kommentare

Lukas Huwiler

13.12.2011, 22:23 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Diesen Jungen zum Supertalent zu schicken, ist etwa so sinnvoll, wie einen exquisiten Weinjahrgang noch als jungen Traubensaft zu trinken. Wie bei einem reifen Wein gibt es auch in der Musik keinen Weg, die eben nötige Reifezeit abzukürzen. Ein Kompliment ans Konsi Bern, dass sie diesen Mist nicht mitmachen; die Eltern hingegen täten gut daran, mit mehr Umsicht zu handeln. Antworten


Marcel Kang

14.12.2011, 12:16 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Ricky und der "Jöh-Effekt"
Talent JA. Sein Weiterkommen verdankt der Knirps jedoch zu 50% seinem Stofftier und "Kopfnicken-Danke".
Jörg und der "Halo-Effekt"
Die Anrufer sind ALLE mediale Opfer des krassesten Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlers der Menschheit.
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