Das Todesorakel von Berlin

Im «Tatort» sah eine Studentin Morde voraus und Kommissar Stark löste seinen letzten Fall. Nur über die Täter erfuhr man nichts.

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Hätte Ödipus nicht im Voraus gewusst, dass er einst seine Mutter heiraten und seinen Vater ermorden wird, er wäre kaum aus seiner Heimatstadt Korinth geflohen. Erst in der Fremde konnte sich das vorausgesagte Ereignis überhaupt bewahrheiten. Ironischerweise führten also gerade die Massnahmen, die er ergriff, um den Fluch abzuwenden, sein besiegeltes Schicksal herbei. Es ist die klassische «self-fulfilling prophecy», die selbsterfüllende Prophezeiung.

Um diese ging es auch im Berliner Tatort «Vielleicht». Es war der letzte Fall von Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic), der am Ende, so ist zumindest anzunehmen, von zwei Kugeln getroffen auf der Intensivstation verstarb. Die norwegische Psychologiestudentin Trude Bruun Thorvaldsen (alienhaft: Olsen Lise Risom) hatte es vorausgesehen: Von Todesvisionen geplagt wandte sich an die Polizei. Erst prophezeite sie den Mord an ihrer Bekannten Lisa und warnte deren Freund, der Lisa fortan nicht mehr von der Seite wich. Bis es dieser zu bunt wurde, sie sich von ihm trennte und der Mörder erst freie Bahn hatte. Hätte Thorvaldsen besser nichts gesagt?

Und die Mörder?

Ihre zweite Vorahnung wollte der von Selbstvorwürfen gepeinigte Stark nun mit allen Mitteln verhindern. Doch um vorauszusehen, dass später auch er selbst seine Rolle in der Erfüllung einer Todesvision spielen sollte, brauchte man als Zuschauer keine hellseherischen Fähigkeiten.

Mehr erfahren hätte man hingegen gerne über die Mörder, die bis zum Schluss ganz ohne Profil blieben. Der erste war ein rothaariger Psychopath, der zweite ein charmanter Martin, der Thorvaldsen im Café ansprach. Warum sie ihre Opfer umbrachten, interessierte Regisseur Klaus Krämer erstaunlicherweise nicht.

Segen der Ungewissheit

Manchmal, so das überdeutliche Fazit dieses dennoch über weite Strecken spannenden «Tatorts», können Vorahnungen Leben retten. Häufiger aber ist es ein Segen, die Zukunft nicht zu kennen. Kommissar Stark, der Freund der ermordeten Lisa und die hellsichtige Thorvaldsen zerbrachen alle an den Schuldgefühlen, nicht das Richtige getan zu haben, um die tödlichen Prophezeiungen abzuwenden.

Einen klaren Kopf schien einzig der Arzt zu behalten, der am Ende aus dem Operationssaal trat, in den man den schwer verletzten Stark zuvor gebracht hatte. Würde er den Kommissar retten können? «Vielleicht», sagte er. Endlich ein wenig Realismus in diesem «Tatort». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.11.2014, 21:38 Uhr)

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