«Dass Ingrid Deltenre geht, ist gut für uns alle»
Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 05.06.2009 1 Kommentar
«Sie war zuletzt völlig zermürbt»: SRG-Kritiker Roger Schawinski über seine Gegenspielerin Ingrid Deltenre.
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Rivalen im TV-Business
Roger Schawinski gehört zu den schärfsten Kritikern von Ingrid Deltenre. Seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2004 wurde er nicht müde, die frühere Chefin der SRG-Vermarktungsgesellschaft Publisuisse zur Zielscheibe zu machen. Immer wieder lieferten sich die beiden Alpha-Tiere gehässige Fernduelle in den Medien.
Auch als Schawinski seinen Posten als Sat.1-Chef abgab und wieder ins Radiogeschäft zurückkehrte, fand keine wirkliche Entspannung zwischen den beiden statt. Zuletzt ritt Deltenre eine Verbalattacke auf Schawinski, indem sie erklärte, Sat.1 gehe es besser, seit Schawinski nicht mehr am Ruder sei.
TV-Direktorin Ingrid Deltenre nimmt nach sechs Jahren den Hut. Ist das nun ein Gewinn oder ein Verlust für das Schweizer Fernsehen?
Es ist vor allem eine Chance fürs Schweizer Fernsehen. Ich hielt es von Beginn weg für wichtig, dass jemand an der Spitze des Unternehmens steht, der das Fernsehen von innen her kennt. Das war bei Deltenre nicht der Fall. Und ihr ist es auch nie gelungen, in die Rolle als TV-Direktorin hineinzuwachsen. Nun erhält das Schweizer Fernsehen die Gelegenheit, es besser hinzukriegen.
Zuletzt wurde die Kritik an Deltenre leiser. Sie konnte einige Erfolge verbuchen. Zugleich erhielt SF vom Publikum so gute Noten wie noch nie.
Sie sprechen von einer Imagestudie, die das Schweizer Fernsehen selbst in Auftrag gegeben hat. Die ist zweifelsohne nicht besonders aufschlussreich. Ich habe ohnehin eine andere Wahrnehmung: Dass die Kritik zuletzt nicht mehr so laut war, hat damit zu tun, dass sich überall Resignation breit machte. Es herrschte die Überzeugung vor, dass sich ohnehin nichts ändern werde.
Sehen Sie denn keine Lichtblicke in der Ära Deltenre?
Leider nein. Deltenre hat bis heute keine nachhaltigen Erfolge verbuchen können. Unter ihr hat das Schweizer Fernsehen keine einzige Leuchtturmsendung etabliert. Im Gegenzug wurden einige erfolgreiche Sendungen durch Formate ersetzt, die schlechter laufen.
Zum Beispiel?
Denken wir nur an das äusserst erfolgreiche «Lüthi & Blanc», das der Flop-Serie «Tag und Nacht» weichen musste. Oder die publikumsstarke Sendung «Quer», die abgesetzt wurde. Das ist für einen Programmdirektor die Höchststrafe: Gut laufende Sendungen durch schwache Nachfolge-Programme zu ersetzen.
Wo sehen Sie die Gründe für den überraschenden Abgang Deltenres?
Ingrid Deltenre war zuletzt völlig zermürbt von der ständigen Kritik. Das zeigt sich auch darin, dass Deltenre nie souverän auf Kritik reagieren konnte, wie ich das selber zur Genüge erlebt habe. Für mich sind das Zeichen, dass eine Person tendenziell überfordert ist.
Wer kommt Ihrer Ansicht nach als Nachfolger für Deltenre in Frage?
Christoph Bürge ist für mich der absolute Topfavorit - ich sage dies, obwohl es für ihn kaum von Vorteil sein kann, wenn ich, der langjährige TV-Kritiker, ihn für das Amt vorschlage. Er war bereits beim Schweizer Fernsehen, führte den SBS-Sender in Rumänien und war Unterhaltungschef bei Sat1. Bürge bringt neben seiner Erfahrung auch sonst alles mit für das Amt des TV-Direktors: Er verfügt über die Persönlichkeit und Offenheit, die es für diesen Job braucht. Gleichzeitig würde mit ihm ein Generationenwechsel herbeigeführt.
Würden Sie denn ein Angebot des Schweizer Fernsehens ausschlagen?
SRG-Generaldirektor Armin Walpen sagte kürzlich, ich sei jenseits meiner biologischen Grenze. Ich denke also, innerhalb der Institution SRG ist es undenkbar, dass man einen 64-Jährigen in dieses Amt hievt.
Was würden Sie als TV-Direktor zuerst in die Hand nehmen?
Es wäre unprofessionell, wenn ich vorschnell konkrete Vorschläge machen würde. Entscheidend ist, dass man ein neues Klima ins Schweizer Fernsehen bringt, wieder offener kommuniziert, auch intern. Zentral ist, das herrschende Klima der Angst aufzubrechen. Wenn die Mitarbeiter merken, dass Kreativität und Eigenverantwortung gefordert sind, werden unglaubliche Leistungen möglich.
Was meinen Sie mit «Klima der Angst»?
Ich habe auch schon erlebt, dass Mitarbeiter glauben, sie dürften sich nicht äussern. Doch wenn jede Kritik als Majestätsbeleidigung gewertet wird, tritt unweigerlich eine Lähmung ein. Diese Zustände sehe ich beim Schweizer Fernsehen.
Abschlussfrage: Was wünschen Sie Deltenre für die Zukunft?
Viel Erfolg. Ich bin überzeugt, dass sie bei der European Broadcasting Union besser aufgehoben ist als im Fach Kreativität. Ich hoffe, dass Deltenre damit auch aus dem öffentlichen Schussfeld herauskommt. Das ist gut für sie und für uns alle auch.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.06.2009, 23:56 Uhr
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1 Kommentar
Für die Serienfans glaube ich nicht, dass der Weggang von Frau Deltenre eine gute Sache ist. Dieses Genre wurde vor ihr sehr stiefmütterlich behandelt und so erwarte ich es unter der neuen Leitung auch wieder. Mein schlimmster Albtraum ist, dass die aktuelle Unterhaltungschefin Gabriela Amgarten auf den leeren Stuhl gehoben wird. Alles; nur das nicht! Antworten
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