Der gute Böse und der böse Gute

Ein Kommissar deckt seinen Kollegen. Ein Anwalt ermittelt. Ein Plot verwirrt. Das war der neue «Tatort» aus Stuttgart.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was passiert, wenn ein Kommissar zum Lügner wird? Der gute Polizist in die moralische Grauzone abrutscht? Der Stuttgarter «Tatort» wagte ein Experiment und widmete sich einem heiklen Thema: Polizisten, die ihre Kollegen vor Gericht decken. Mit solider Spannung wurde das durchgespielt, nur war leider für Ambivalenz kein Platz. Am Schluss war der Gute wieder der Gute, und man mochte sich nicht so recht darüber freuen.

Die Zeugin eingeschüchtert

Kommissar Sebastian Bootz übernahm die Rolle des Polizisten, der vom rechten Weg abkommt. Den ersten Schritt tat er, als er seinen Kollegen, der einen Geiselnehmer getötet hatte, vor Gericht deckte. «Rettungsschuss» behauptete Bootz, obwohl er den entscheidenden Moment nicht gesehen hatte. Nach dieser Lüge gleich der zweite Fehler. Bootz fuhr zu einer Zeugin, um «etwas klarzustellen», sprich: sie einzuschüchtern. Ganz schön korrupt. Und streckenweise spannend. Wie Bootz von seinem schlechten Gewissen zerfressen und paranoid wurde, war überzeugend. Kollege Lannert und er rangen mit sich und miteinander. Die Stimmung wurde beklemmender.

Doch viele Wendungen, welche die Geschichte nahm, waren schon von weitem sichtbar. Etwa, als Bootz vom Fall abgezogen und in die Ferien geschickt wurde. Natürlich hielt er sich nicht daran und ermittelte mit Lannert weiter – ein «Tatort»-Klischee. Ebenso klischiert und überzeichnet: die Kriminellen aus der linken Hausbesetzerszene. Spannender war die Figur des Anwalts, der gegen Lannert ermittelte. Ein arroganter Widerling zwar, aber immerhin dem Kampf gegen korrupte Polizisten verschrieben. Solche Polizisten wie Bootz, der fürchterlich unter seiner Scheidung litt und darum kaum funktionstüchtig war. Doch als Entschuldigung funktionierte das nicht.

Ein noch schlimmerer Fehler

Statt dass der Film der Frage nach dem Ursprung der Korruption und einer angemessenen Strafe nachgegangen wäre, durfte Bootz zum Helden werden. Der Anwalt hatte zum Glück noch schlimmere Fehler gemacht als er. Verstörend schnell waren bei Bootz die Gewissensbisse verschwunden, trotz einiger Ähnlichkeiten mit dem bösen Anwalt.

Einmal die Wohnung aufräumen, das reichte, damit sich alles in Wohlgefallen auflöste. Der wirklich Böse war ein anderer – und der Gute schon wieder der Gute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.11.2014, 21:47 Uhr)

Stichworte

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie nach Filmschluss die «Tatort»-Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Rating

«Tatort»-Folge: «Eine Frage des Gewissens»


Spannung
Glaubwürdigkeit
Reiz des Milieus
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne geben Sie der Folge?







Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Das Kostbarste im Leben

TV-Kritik TV-Kritik Der Vater plant den Untergang, die Mutter eine Zukunft ohne den Vater: Die heutige Folge von «Polizeiruf 110» handelte von einer zerrissenen Familie. Nichts wurde gut – der Krimi aber war es dafür sehr. Mehr...

Wahnsinn in Wiesbaden

TV-Kritik TV-Kritik Ein Psychopath will Rache: Der gestrige «Tatort» war ein aufdatierter Shakespeare mit zu viel Mystik. Mehr...

Dossiers

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Sch**** Kunst: Eine Mitarbeitern der Tate Britain bestaunt das Werk «Project for a door» von Anthea Hamilton. Die britische Künstlerin ist zusammen mit Michael Dean, Helen Marten und Josephine Pryde auf der Shortlist des Turner Prize 2016. (26. September 2016).
(Bild: Carl Court/Getty Images) Mehr...