Der verbotene Dokumentarfilm

Siegfried Müller kämpfte in den 60er Jahren im Kongo und wurde wegen seiner Brutalität weltbekannt. Die DDR missbrauchte ihn für ihre Propaganda. Ein neuer Film erzählt die Geschichte des umstrittenen Kriegshandwerkers.

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«Man macht normalerweise keine Gefangenen. Und wenn es doch vorkommt, dann wird stückchenweise abgeschnitten. Zuerst das linke Bein, dann das rechte», sagt Siegfried Müller im Tarnanzug mit einem Lächeln im Gesicht (siehe Video im Kasten). Die Szene stammt aus einem DDR-Dokumentarfilm von 1966 mit dem Titel «Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders». Die beiden Propaganda-Filmemacher Walter Heynowski und Gerhard Scheuman interviewten im selben Jahr den Söldner mit dem kurzgeschorenen Haar. Unverdrossen erzählte er ihnen, was er mit kongolesischen Rebellen während des Bürgerkrieges machte – zum Beispiel mit ihren Köpfen: Er liess die Schädel blank putzen und verzierte mit den Totenköpfen seinen Jeep.

Am Mittwoch macht der deutsch-französische Kultursender Arte Müller und sein bizarres Interview von 1966 zum grossen Thema. In einer aufwendig recherchierten Doku mit dem Titel «Kongo Müller» erzählt Filmemacher Siegfried Ressel die Geschichte des berüchtigten Legionärs, der 1965 von «Stern»-Reporter Gerd Heidemann in den Wirren des Bürgerkriegs im Kongo gefunden und durch dessen Reportagen weltberühmt wurde. Der Film Ressels ist aber auch eine spannende deutsch-deutsche Mediengeschichte. In der BRD erlangte Müller und sein Kommando 52 Ruhm, in der DDR allerdings wurde der Kriegshandwerker, wie einleitend beschrieben, als das personifizierte Böse dargestellt und für Propagandazwecke benutzt.

Abenteuer im Kongo

Die Geschichte Müllers beginnt 1965, als Starreporter Gerd Heidemann den Auftrag erhält, in den Kongo zu reisen, um die brutalen Machenschaften weisser Legionäre aufzudecken. Heidemann konnte – damals ohne Hilfe von Smartphones, GPS oder Internet – den ehemaligen Wehrmachtssoldaten Siegfried Müller im Dschungel aufspüren und das kriegerische Treiben der Söldnertruppe dokumentieren. Die Reportage erschien in drei Teilen – heute wohl eher undenkbar – im «Stern» und liest sich als ein grosses Abenteuer deutscher Soldaten in Afrika. Sie wird später mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.

Die beiden ostdeutschen Dokumentarfilmer Walter Heynowski und Gerhard Scheuman erfahren von Heidemanns journalistischem Glanzstück und wittern die Möglichkeit, mithilfe des inzwischen weltberühmten «Kongo-Müller» die neokolonialistischen Pläne des Westens zu thematisieren. Müller und seine Söldnerkollegen waren für die beiden DDR-Leute der klare Beweis dafür, dass in der Bundesrepublik, auch 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, der Nazi-Geist nach wie vor fest verwurzelt war.

10'000 Mark und viel Schnaps

1966 gelingt es Heynowski und Scheuman, das ganze Foto- und Filmmaterial Heidemanns beim «Stern» in Hamburg zu erwerben. In München treffen sie Müller, der zufällig in Deutschland weilte, für das Interview, wobei Müller ein westdeutsches Filmteam vor sich glaubte. Das Duo legte dem Söldner 10'000 Mark auf den Tisch, stellte eine Flasche Pernod daneben und liess Müller frisch von der Leber weg plaudern. Der zunehmend stärker lallenden Zeitgenosse berichtete munter über die abscheulichsten Greueltaten, die er ein Jahr zuvor im Kongo begangen hatte.

Müller entpuppte sich für den politisch motivierten Film tatsächlich als Idealfigur: Der Legionär schwadronierte, wie er und seine Kameraden schwarze Rebellen erschossen. Inhaltlich barg der Film Zündstoff, denn die damalige BRD und DDR debattierten gerade über eine Wiederbewaffnung.

Noch im selben Jahr zeigten Heynowski und Scheumann das Werk auf dem Dokumentarfestival in Leipzig unter dem Titel «Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders». Den Film, der schliesslich in 37 Ländern veröffentlicht wurde, wertete die Öffentlichkeit damals als skandalös. In der Bundesrepublik wurde er gar verboten.

Der Film von Heynowski und Scheumann gilt als Meilenstein der ostdeutschen Filmgeschichte. «Den DDR-Leuten gelang es, Müller geschickt für agitatorische Zwecke zu nutzen», sagt Filmemacher Ressel gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das Thema sei damals geschickt medial ausgeschlachtet worden. Als verwerflich gelte jedoch die Machart und das Vorgehen der Filmemacher, wie Ressel sagt: «Sie täuschten Müller und machten ihn betrunken. Wohl in der Hoffnung, brisante Infos zu erhalten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.11.2011, 12:54 Uhr)

Ausschnitt aus «Der lachende Mann»

Quelle Youtube.com

Interview mit Siegfried Ressel

Herr Ressel, warum fasziniert Sie die Geschichte von Siegfried Müller so?

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als der Film von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann im Abendprogramm gezeigt wurde. Meine Eltern schickten mich früher ins Bett, weil sie über den Inhalt entrüstet waren. Ich verfolgte die Doku durch das Schlüsselloch mit und war fasziniert von diesem glatzköpfigen Söldner und seinen Geschichten. Der Film sorgte in der DDR für Furore. Das ist wohl das Grunderlebnis. Später habe ich mich immer wieder gefragt, was wohl aus «Kongo Müller» und seinem legendären Kommando 52 geworden ist. Arte gab mir schliesslich die Möglichkeit, einen Dokumentarfilm zu drehen.

«Kongo Müller» ist nicht allein eine Geschichte über Kriegsreporter und Soldaten, sondern auch eine Mediengeschichte über Ost und West. Inwiefern?


Müller wurde von Westen als auch vom Osten instrumentalisiert. In einer dreiteiligen Serie berichtete Gerd Heidemann 1965 über die weissen Söldner im Kongo. Die Reportage hatte etwas abenteuerliches. Die Menschen kritisierten diese Legionäre und ihre Arbeit nicht, sondern hatten die romantische Vorstellung davon, dass sie Afrika befrieden. Walter Heynowski und Gerhard Scheumann erkannten allerdings die propagandistische Potenz Müllers. Sie Sie sahen im westdeutschen Söldners das neokolonialistische Machtstreben des Westens. Für sie war klar: Deutsche Soldaten sind wieder unterwegs. Ihr Film hat ohne Zweifel eine Sonderstellung in der politischen Agitation der DDR.

Die DDR-Filmemacher nutzten Müller für Propaganda.


Ja, sie täuschten Müller bewusst und das finde ich natürlich sehr fragwürdig. Auch der Umstand, dass sie ihn nicht nüchtern interviewten. Aber ihr Film hatte eine gute Seite: Sie rüttelten die Menschen auf und stellten das Treiben dieser Söldner in Frage. Immerhin spiessten Müller und sein Trupp Totenköpfe auf und legten Buschhütten in Brand.

Sie haben bei den Recherchen für den Film mit den Hauptakteuren - ausser mit Müller, er verstarb 1983 - gesprochen. Wie war das?

Sehr aufschlussreich. Gerd Heidemann ist einfach eine spannende Figur. Er ist ein begnadeter Fotoreporter und ungeheuer interessiert. Er ist ein grossartiger Journalist, der leider wegen diesen gefälschten Hitlertagebüchern seine Karriere beenden musste. Walter Heynowski war hingegen weniger zugänglich. Ich musste ihn ein Jahr für ein Interview überzeugen. Ich schaffte es schliesslich. Man spürt im Gespräch mit Heynowski, dass er ein Top-Agitator ist.

Der Filmemacher und Autor Siegfried Ressel wurde 1958 in Potsdam geboren.

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