Deutsche reissen weiter Witze
Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 15.03.2011 18 Kommentare
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Wie weit darf Satire gehen? Viktor Giacobbo und Mike Müller haben am Sonntagabend ihre Sendung abgesagt und die Leute nach Hause geschickt. Das deutsche Satiremagazin «Titanic» hingegen nimmt keine Rücksicht auf die Erdbebenopfer und macht sogar obszöne Witze zum Thema «Kernschmelze».
Die Angst vor dem atomaren GAU und die Tausenden von Toten seien «kein gutes Umfeld für uns und für die Zuschauer», sagte Viktor Giacobbo zu «20 Minuten online». Es wäre für ihn und Mike Müller unvorstellbar gewesen, direkt nach einer Sondersendung der Tagesschau – nur durch ein Signet und etwas Werbung getrennt – als «zwei lustige Typen ein paar Witze zu reissen». Müller begründete die Absage so: «Man kann in diesem Umfeld nicht gut eine Sendung machen mit innenpolitischen Themen aus der Schweiz.» Gemäss Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy bei SRF, hätten die angemeldeten Besucher vor dem Kaufleuten auf die Absage mit grossem Verständnis reagiert.
Angst vor Fettnapf?
Haben Giacobbo und Müller richtig entschieden, oder hatten sie bloss Angst, in einen riesengrossen Fettnapf zu treten? Aernschd Born, Anti-AKW-Ikone, Sänger und selber erfolgreicher Satiriker (Autor von «Zweierleier» auf DRS), hat vollstes Verständnis für die Absage. «Wenn es um Tod und Zerstörung geht, hat Satire keinen Platz mehr.» Tsunami und Atomkatastrophe hätten in einem Satireprogramm erst wieder Platz, «wenn die Trauer bewältigt ist». Dann dürfe ein Satiriker sehr wohl die Rolle der Medien, der Regierungen und der AKW-Betreiber auf die Schippe nehmen. «Aber auf Kosten des Entsetzens darf man sich nicht lustig machen.»
In Deutschland derweil nimmt das Satiremagazin «Titanic» keine Rücksicht auf die Trauer. «Hat der GAU in Japan Folgen für uns?», fragen die Macher. Antwort: «Der Liefertermin für die Playstation 4 könnte sich deutlich verzögern.»
«CO2 = null»
Ein Bild des explodierenden AKW Fukushima wird als Anzeige der AKW-Betreiber präsentiert mit dem Schriftzug: «Kernkraft und Wasserkraft: CO2 = null.» Und dem Motto: «Gemeinsam in eine nachhaltige Energiezukunft.»
Hätte man die nukleare Bedrohung in Japan verhindern können? «Gute Güte, nein! Nur weil in einem Land täglich die Erde zittert, kann man doch nicht auf Kraftwerke verzichten, die bei Schäden komplett ausser Kontrolle geraten. Zudem waren die japanischen AKW auf eine Erdbebenstärke bis 8,0 ausgerichtet. Keiner konnte ahnen, dass Gott sich nicht an diesen Grenzwert hält.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2011, 11:55 Uhr
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