Kultur

Die Casting-Show ist eine Mitleid-Show

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 01.12.2008 32 Kommentare

Ein Handy-Verkäufer mit krummen Zähnen singt Opern-Lieder, ein behinderter Sozialhilfeempfänger spielt Mundharmonika. Beide werden berühmt. Bei Casting-Shows obsiegt nicht das Talent, sondern das Mitleid.

(Video: RTL)

Vom arbeitslosen Strassenmusikanten zum Superstar: Michael Hirte.

Vom arbeitslosen Strassenmusikanten zum Superstar: Michael Hirte. (Bild: Keystone)

Video

Paul Potts Auftritt in Britain's Got Talent:

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«Du hast nichts, aber du eroberst unsere Herzen», so Chefjuror Dieter Bohlen zu Michael Hirte, dem späteren Sieger der Sendung Supertalent auf RTL. Damit ist alles gesagt. Mit seiner Mundharmonika-Version von «Ave Maria» rührte Hirte die Zuschauer zu Tränen. «Wenn Michael nicht Supertalent wird, fress ich meine Jacke», meinte Bohlen. Hirte wurde es. Und Bohlen jubelte, als habe er selber gewonnen.

Hirtes Auftritt erinnert an jenen von Paul Potts vor einigen Monaten in einer britischen Casting-Show. Damals betrat ein dicklicher Handy-Verkäufer mit krummen Zähnen die Bühne und kündete schüchtern an, er werde Oper singen. Alle machten sich auf eine Peinlichkeit gefasst. Doch mit «Nessun dorma» aus der Puccini Oper «Turandot» bewegte er ein Millionenpublikum – sein Auftritt verbreitet sich über Youtube weltweit, mittlerweile füllt er riesige Konzertsäle.

Es ist nicht der Auftritt, der das Publikum dermassen emotional erfasst, sondern die Geschichte dahinter. «Vom Natel-Verkäufer zum Superstar», hiess es gross auf den Plakaten zu Paul Potts Hallenstadion-Konzert. Verkauft wird eine Lebensgeschichte, die wie ein Märchen klingt. Dass an Potts Biografie einiges erfunden war, damit sie noch etwas Märchenhafter tönt, war dem Publikum egal. Auch Michael Hirtes Geschichte ist rasch erzählt und herzzerreissend – und damit Millionen wert. Er war Lastwagenfahrer, erlitt 1991 einen schweren Unfall. Seither ist er Hartz-IV-Empfänger, auf einem Auge blind, durch den vierfachen Bruch seines rechten Beins hinkt er noch heute.

Einem Paul Potts oder Michael Hirte bei einer Casting-Show die Stimme zu geben beziehungsweise eines ihrer Konzerte zu besuchen, löst ein Zufriedenheitsgefühl aus, wie ein Fünfzigernötli in den Heilsarmee-Topf zu werfen. Ein Märchen wird wahr, und man kann selber etwas beitragen dazu! Ein Gefühl, nach dem gerade in Krisenzeiten ein grosses Bedürfnis besteht. Es werden wohl noch einige Paul Potts und Michael Hirtes auf uns zukommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2008, 14:55 Uhr

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32 Kommentare

Esther Müller

01.12.2008, 14:52 Uhr
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Mir ist auch aufgefallen, dass in Deutschland fast alle Hart VI Empfänger sind. Von einem Mark Medlock hört man heute nicht mehr viel, auch fiel er negativ auf. Ein Sänger mit Stimme braucht eben doch seine Ausbildung und erfreut wirklich die Herzen, siehe Anna Netrebko und viele andere. Habe gehört, dass sich viele an der Mitleid-Masche aufregen. Antworten


Teresa Bagnato

01.12.2008, 14:42 Uhr
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Ich komme vom dem Gefühl nicht los, dass in diesem Artikel ein wenig gespottet wird. Michael Hirte hat, egal mit welcher Vergangenheit, ein Talent, dass nicht jeder besitzt. Nämlich mit ganzem Herzen Musik zu machen. Ich bin selbst Sängerin, weiss wovon ich rede. Ich denke, man sollte den "Jöö-Effekt" eliminieren und der liegt nicht bei Künstlern wie Michael Hirte. Mich hat er zu Tränen gerührt... Antworten




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