Kultur

Philippe Zweifel
Ressortleiter Kultur


«Die Mannen waren halt lange weg»

Aktualisiert am 26.01.2009 9 Kommentare

Im Zweiten Weltkrieg nahm die Schweiz algerische Soldaten auf. Eine SF-Dokumentation zeigt, wie die Fremden im luzernischen Triengen für Aufregung sorgten – nicht zuletzt bei den Frauen.

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Kriegssommer 1940. Auf der Flucht vor den Deutschen kommen algerische Spahis in das kleine Dorf Triengen bei Sursee. Ihre farbigen Kämpfer bringen das Dorfleben aus den Fugen und die Triengener Mädchen in Versuchung.

   

Dokumentarfilm

«Fremde Freunde – Die fast vergessenen Internierten von Triengen». Dokumentarfilm von Simon Koller. Montag, 26. Januar 2009, 22.50 Uhr, SF 1.

Triengen ist ein Klischee von einem Kaff. 3500 Einwohner, «gute Verkehrsverbindungen zur A1 und A2», Sitz der Trisa Bürstenfabrik AG. Im Zweiten Weltkrieg gingen die Wogen im luzernischen Dorf jedoch hoch. Spahis, berüchtigte algerische Reiter im Dienste Frankreichs, suchten Zuflucht vor deutschen Truppen. Und so standen sie im Sommer 1940 auf dem Dorfplatz Triengen, mit farbigen Uniformen und schwarzen Gesichtern.

Das ungeschriebene Kapitel aus der Schweizer Geschichte könnte süffiger nicht sein. Und auch die Herangehensweise der SF-Doku «Fremde Freunde» ist vielsprechend: Anhand des in die Schweiz gereisten Spahi-Sohnes Marc Basoin macht sich Filmemacher Simon Koller auf die Spuren der stolzen Soldaten.

Grossartige Aufnahmen

Basoins Triengen-Trip beginnt ernüchternd. In Zeitungsarchiven und von Zeitzeugen erfährt er, dass die Spahi auf amtliche Anweisung angefeindet wurden: Obwohl die Deutschen vor der Grenze standen, fürchteten die Behörden in erster Linie die Fremden im eigenen Dorf. Diverse Verbote, vom Alkoholausschank hin zu Spaziergängen, sollten den Kontakt zu den Soldaten verhindern.

Bloss: Weil der Schweizer Bevölkerung herumlungernde Ausländer schon damals ein Graus waren, beschäftigte man die Spahi kurzerhand in der Landwirtschaft oder im Haushalt. Und siehe da, den Erwachsenen imponierte die Tüchtigkeit der Fremden. Und die Kinder stellten erstaunt fest, dass sie keine schwarze Hand bekommen, wenn sie einen Spahi berühren.

Die Schilderung dieser Annäherungen ist das grosse Verdienst des Films. Entgegen kam dem Regisseur dabei ein beeindruckendes Bildmaterial, das die Triengener während des Kriegs selber aufnahmen – und sich so über eine weitere Weisung von Bundesbern hinwegsetzten: das Fotografierverbot. Stolz posieren die Dorfbewohner mit Turban tragenden Soldaten auf grobkörnigen Aufnahmen. Wobei die Triengerinnen stets ein bisschen verlegen dreinblicken.

«Sittliche Schäden» für Frauen

Die Scheu der Frauen hat ihren Grund. Sie wurden davor gewarnt, sich mit den Internierten einzulassen, wegen des Risikos «gesundheitlicher und sittlicher Schäden». Zu Liebeleien kams trotzdem. Oder wie es eine heute 85-Jährige ausdrückt: «Die Mannen waren halt lange weg ... man muss da auch die menschliche Seite verstehen». So richtig will sich in Triengen allerdings niemand an Details erinnern. Bloss in einem Fall gibts handfeste Beweise: Ein Spahi, der nach dem Krieg zurückkehrte, zeugte mit einer Schweizerin fünf Kinder.

Richtig völkerverbindend wirds, als der Film zeigt, wie die Triengener einen flammenden Appell an General Guisan richten und die staatlich verordnete Schroffheit gegenüber den Fremden anprangern. So kann man den Fall auch als Lehrbeispiel für gelungene Integration sehen. Und wer weiss, vielleicht ist das ja der Grund, weshalb in Triengen heute jeder vierte Einwohner aus dem Ausland stammt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.01.2009, 22:44 Uhr

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9 Kommentare

peter zwygart

26.01.2009, 11:22 Uhr
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tönt spannend. ein grund, wieder einmal sf zu schauen. Antworten


Schumacher Rolf

26.01.2009, 11:47 Uhr
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Werden wir sie wieder brauchen in absehbarer Zeit die Mutter Courages die Gilberts de Courgenay und wie sie sonst noch heissen all die Marketenderinnen, die dem Krieg einen Hauch von Menschlichkeit einflössen, obwohl sie durch ihn genährt werden? Antworten



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