Die verreckte Kamera

Im Dresdner «Tatort» erging es einem Youtube-Scherzkeks schlecht. Ja, die Säulen der digitalen Welt sind bröckelig.

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Der Ermordete hiess diesmal Simson, ein Internetstar mit einer Million Follower. Er stellte keine Kochrezepte oder Modefotos online, sondern sogenannte Pranks. Will heissen: Er spielte seinen Opfern vor laufender Kamera Streiche und veröffentlichte sie im Internet. Als er mit einer Drohne die feuchtfröhliche Party einer Motorradgang filmte, hatten die Biker keine Freude und verfolgten ihn. Vor laufender Kamera wurde Simon erschossen – bloss von wem? Das hatte, trotz des tausendfach geklickten Livestreams, niemand gesehen.

Es war der dritte Fall, in dem die Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) ermittelten. Den beiden Sonntagabend-Ermittlern schaut man inzwischen besonders gern zu. Wie Henni, grad im totalen Beziehungsstress, ständig derbe flucht und in der Eckkneipe ein «Herrengedeck» bestellt; wie Karin ihren Sohn vor dem bösen, bösen Internet zu bewahren versucht, das ist grundsympathisch. Dass die Frauen gleich beide so schön nuscheln und – auch ihren Regenmänteln sei Dank – knapp am gängigen Schönheitsideal vorbeischrammen, auch das lässt sie authentisch erscheinen. Nicht zuletzt gefällt der grummelige Chef der Damen, Schnabel, der zwar online flirtete, aber sonst mit dem Computer seine liebe Mühe hatte: «Kann nicht jemand dieses verdammte Internet einfach wieder abstellen?», schrie er.

Auch die Jugendlichen im Krimi wirkten glaubwürdig. Da war etwa Scoopy, ein weiterer Prankster, der nach dem Tod seines Freundes Simson seine grosse Chance witterte. Da war Emilia, die sich mit einem kompromittierenden Internet-Video konfrontiert sah und sich darum beinahe das Leben nahm. Eine Figur, die abfiel, war der Manager all dieser kleinen Internet-Berühmtheiten: Magnus Cord. Zu klischiert, wie er in jeden zweiten Satz ein englisches Wort einbaute.

Die «Tatort»-Folge streifte zahlreiche gesellschaftliche Problematiken: Glauben wir den sozialen Medien eher als den eigenen Augen? Welche Bedeutung hat die Religion noch? Kann man online trauern? Darf man eigentlich alles filmen und streamen? Und kann das Internet der Polizei bei Ermittlungen helfen? Von dieser komplizierten, vernetzten Welt war ganz viel drin in den 90 Minuten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2017, 21:58 Uhr

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