Dieser Artikel enthält Nacktfotos

Die Parodien der Nachrichten fangen an, die Nachrichten zu ersetzen.

Von Dick Pics und Stinkefingern: Wenn Satire Nachrichten ersetzt. Video: TA/lko

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160 Millionen Jahre waren selbst die mutigsten Säugetiere bestenfalls Eierdiebe; dann krachte ein Komet vom Himmel, tötete die Saurier, und die Weltherrschaft fiel an die Nager.

Die Geschichte wiederholt sich nun, nur auf dem Medienplaneten. Eigentlich war Satire ein Parasit; sie dockte an den Schwachstellen ihres Wirts an und versuchte, ihn zur Explosion zu bringen. Doch nun macht sie eine schnelle Evolution: Sie wird zum eigenständigen Tier.

Jedenfalls hat Satire sich vom Resteverwerter zur vitalsten Form von Journalismus entwickelt. TV-Nachrichten und Zeitungen verlieren überall, wo es zählt: an Publikum, an Geld, an Respekt. Dahingegen überflügeln Nachrichtenparodien die Originale an Glaub­haftigkeit, wirtschaftlichem Erfolg, Ansehen bei der Jugend.

So etwa wurde der Fake-News-Moderator Jon Stewart in den USA zum glaubwürdigsten Nachrichten­moderator gewählt; ein Ein-Mann-Nachrichtenfälschungsbetrieb in Deutschland («Der Postillon») schlägt halbe Redaktionen an Klicks und Fans, und der substanziellste Beitrag des deutschen Fernsehens zur Griechenlandkrise lief in der Satire­sendung «Die Anstalt».

Süsse Hamster und absurde Witze

Das wirklich Neue ist, dass die satirischen Medien die seriösen nicht nur ergänzen und parodieren; sie beginnen sie zu ersetzen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie deren Aufgaben übernehmen, die diese kaum mehr machen: das Wälzen von Aktenbergen. Und das Ausmisten von Unfug.

Die Show des Komikers John Oliver, «Last Week Tonight», etwa eröffnete mit dem Thema der Todesstrafe – mit der Bemerkung des Moderators, dass alle, die bis zum Ende durchhalten würden, mit einem Film belohnt würden, in dem «entzückende Hamster Burritos knuspern».

Weitere Themen der Show waren etwa die Fifa, die Erbschaftssteuer oder Netzneutralität – Themen, an die sich das seriöse Nachrichtenfernsehen nur noch kurz wagt. Und trotz (genauer: wegen) süsser Hamster und absurder Witze stellten Untersuchungen fest, dass das Stammpublikum der Comedy-Nachrichten exakter über komplexe Dossiers wie Internetrecht oder Parteienfinanzierung Bescheid wusste als das Stammpublikum der traditionellen Nachrichten. Dabei sind die Mittel oft drastisch: So überreichte John Oliver während seines Interviews mit dem NSA-Ab­trünnigen Edward Snowden diesem ein Foto seines Penis. Mit der Begründung, die Amerikaner interessierten sich nicht für die Verletzung der Privatsphäre. Sondern nur dann, wenn ihre Nacktfotos von der Regierung abgefangen würden. Worauf der verblüffte Snowden erläuterte, mit welchen Mitteln die Regierung an diese Art Fotos kommt.

Die Komiker beissen die Wachhunde

Das Resultat war eine ziemlich informative Sendung: quasi eine «Sendung mit der Maus» für Erwachsene, mit dem Unterschied, dass die Maus den Schwanz vorn trug.

Und es war eine Sendung mit einer grossen, politischen Frage: ob die Überwachungsgesetze am 1. Juni verlängert werden. Eine Frage, die sich – wie Oliver in Ausschnitten zeigte – die grossen Fernsehsender nicht mehr stellten. Dort wurde etwa eine Debatte zur Überwachung abgebrochen, um direkt zum Prozess gegen den Popstar Justin Bieber zu schalten.

Relevanz ist die böse Antwort der Komiker auf ein Mediensystem, das mit mehr Tempo und weniger Geld zunehmend Unfug produziert. Nicht nur in den USA. In der Schweiz drehte sich 2014 die wichtigste politische Story mit über 1700 Artikeln um die Nacktfotos eines Nationalrats; in Deutschland debattierte die Presse statt über die Sparpolitik der Eurozone über den Mittelfinger des griechischen Finanzministers. Die Wachhunde der Demokratie jagen Würmer.

Und die Komiker beissen die Wachhunde. Den einzigen erinnernswerten Beitrag zur Mittelfingerdebatte lieferte der Entertainer Jan Böhmermann, der die todernst argumentierenden Redaktionen mit der Fälschung der Fälschung eine Nacht in Panik stürzte. Der Grund, warum ihre Parodie die Nachrichten schlägt, ist einfach: Komik ist Logik. Und das Weiterdenken von Absurditäten eine Pointe (etwa bei «Postillon»-Schlag­zeilen wie: «Umfrage: Mehrheit würde verheerenden Godzilla-Angriff langweiliger Eurokrise vorziehen»). Dass das dem Publikum gefällt, ist klar. Denn Leser sind wie Kinder: Sie lieben Ernst und Bonbons. Und sie wissen, was Nachrichten vergessen haben: dass Vergnügen und Vernunft, Witz und Wahrheit eins sind. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.04.2015, 00:06 Uhr)

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