Dinosaurier-Fürze und Live-Gigs – sie singen wieder, die Music-Stars

Das neue Konzept von Music-Star schreibt vor, dass sich die Kandidaten auch live im Club bewähren müssen. Ein sonderbares Happening, wie ein Augenschein in Winterthur offenbart.

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Wenn das Schweizer Fernsehen ein Konzert veranstaltet, dann funktioniert das ein bisschen anders als im richtigen Leben. Da braucht es – wie vor allen Sendungen mit Publikum – zuerst einen Claqueur, der das Auditorium in eine aufgekratzte Stimmung versetzt.

Im Gaswerk zu Winterthur übernimmt diese Aufgabe ein mit reichlich harschem Charme ausgestatteter Produktionsleiter, eine Art Röbi Koller der Animationskunst. Er stellt dem Publikum «Hammerstimmen» und «Hammerkandidaten» in Aussicht und weist es an, wie und wann es zu jubeln und zu johlen hat. Sein Ton ist nicht bittend, sondern fordernd. Doch die Zuschauer scheinen ohnehin willig, für eine «Hammerstimmung» zu sorgen.

Als würde ein Werbespot für eine volksnahe Biermarke gedreht

Das Gaswerk in Winterthur gemahnt an diesem Abend weniger an einen honorigen Rockclub, hier sieht es aus wie an einer Leutschenbach-Betriebsfeier, unter die sich vereinzelte Lehrabschluss-Partygesellschaften gemischt haben. Und die Lichter auf der Bühne flackern, als würde ein Werbespot für eine volksnahe Biermarke gedreht.

Die Moderatoren Andrea Jansen und Max Loong preschen beschwingt auf die Bühne und stellen die Jury vor, die heuer aus dem Maulhelden Roman Kilchsperger, der noch wenig erforschten Ex-«Viva»-Moderatorin Fabienne Heyne und aus Gölä besteht. Dieser unterstreicht den Umstand, dass er in dieser Sendung das Rockige verkörpert, indem er mit einem Glas Bier und einer Zigarette die Bühne betritt. Er freue sich auf gute Livemusik, sagt er, hebt das Glas und zieht sich auf die Jury-Tribüne zurück. Das Publikum tut wie ihm geheissen: Es johlt und jubelt.

Wenn das Schweizer Fernsehen gute Livemusik zu produzieren trachtet, dann tanzen sie in kompletter Formation an, Slädu, der Idée-Suisse-Gitarrist, die barköpfigen Keiser-Brüder an Schlagzeug und Bass, jenes helvetische Studiomusiker-Personal also, das jeden musikalischen Auftrag mit Anstand erfüllt, der ihm angetragen wird. Die erste der zwölf Kandidaten, die mit dieser Band aufspielen soll, ist ein Berner Meitschi mit afrikanischen Genen. Unnötig zu erwähnen, dass es dem Soulgesang frönt, doch so richtig zum Staunen bringt es niemanden.

Ex-Siegerin verkauft Klingeltöne

Es haben sich im Auditorium kleine Fanzellen gebildet, man erkennt sie an ihren selbst gebastelten Fan-T-Shirts und daran, dass sie hauptsächlich dann lautstark aus dem Häuschen geraten, wenn ihr Liebling namentlich erwähnt wird oder musikalisch in Erscheinung tritt. Vorläufig sind diese Fans noch nahe Verwandte und Bekannte, im Verlauf der Staffel werden zwischenzeitlich so einige auswärtige Sympathisanten dazukommen.

Die televisionären Gesangswettbewerbe haben sich als Medium zur Produktion von Temporär-Prominenz etabliert. Die Siegerin der ersten Staffel, die allseits bejubelte Carmen Fenk, vertont heute Werbespots für Handy-Klingeltöne – ihr neuester Hit: der downloadbare Dinosaurier-Furz. Das Walliser Schätzeli Salome Clausen, Siegerin der zweiten Staffel, hat die Musikkarriere kurz nach deren Anbeginn hingeschmissen, um wieder im Coiffeursalon arbeiten zu können. Dafür haben es Baschi, Kandlbauer und ein klein wenig auch Fabienne Louves geschafft, die einstige Euphorie in eine einigermassen ansehnliche helvetische Musikerkarriere zu lenken.

Gute Kandidaten

Es ist ein sonderbares Happening, das sich im Gaswerk abspielt. Die zwölf Kandidatinnen und Kandidaten dürfen je ein Lied singen, einige von ihnen tun dies zum ersten Mal vor Publikum. Die Posen und Gesten haben sie zu Hause vor dem Spiegel gut einstudiert, und doch wirken sie in ihrem Tun, in Bewegung und Intonation noch unvollendet. Im richtigen Leben würde kaum jemand an ihre Konzerte gehen – Nachwuchskünstler im Aufbau, dafür gibt es abseits des Fernsehens noch kein taugliches Partyformat.

Das diesjährige «Music-Star»-Kandidatenmaterial scheint trotzdem nicht allzu schlecht zu sein, vergleicht man es mit der aktuellen Staffel der österreichischen Partnersendung «Starmania», ist es sogar richtig gut, wirklich untauglich ist niemand. Da ist etwa der Brasil-Hinwiler Leonardo, der Kinderzimmer-Charmeur, der zwar keine tragende Stimme hat, dafür ein gewinnendes Lächeln. Da ist Raquel aus Münchenbuchsee, die prächtig Lieder von Alicia Keys nachsingen kann. Da ist der rockig gemeinte Michu Stalder aus Lyss, der schon beim ersten Bühnengang die Teufelsfingerchen zeigt, mit Leutschenbach-Schminke und krächzender Gripal-Stimme indes erheblich an rockiger Härte einbüsst.

Der Eklat der letzten Staffel

Und da sind sogar zwei Teilnehmer mit wunderlichen Brüchen im Charakter. Die Country-verehrende bleiche Gruftibraut Forina Honegger, die zu Avril Lavigne über die Bühne hüpft. Und es gibt einen Mann mit einem Dada-Tattoo auf dem Arm. Der sonderbare kleine Schöngeist heisst Dimitri und bringt den Mut auf, im Gaswerk das bitterzarte, wenn auch nicht gerade dadaistisch aufmüpfende Stück «Fragile» von Sting anzustimmen und damit redlich zu betören. Doch vermutlich ist dieser Rätselmann dann doch zu eigentümlich für ein millionenfach vor dem Fernsehen versammeltes SF-1-Publikum, und wohl auch für die Plattenfirma Universal Schweiz, die sich bereit erklärt hat, die Karriere des kommenden Music-Stars kommerziell zu begleiten.

In der dritten Staffel soll es zwischen der Finalistin Sandra Wild und der Plattenfirma Sony/BMG zum Eklat gekommen sein: Sie wollte Soulsängerin werden, Sony/BMG wollte sie zu massentauglichem Pop anstiften. Das ging so weit, dass Frau Wild auf den Sieg verzichtete und ihre Fans anwies, für Fabienne Louves zu stimmen. Der vierte Music-Star der Schweiz wird also auch wieder ein Knecht der zuständigen Plattenfirma sein, und er wird sich vor allem in einer Welt bewähren müssen, in der keine Claqueure im Publikum zum Rechten schauen.

Start: Sonntag, 1. Februar, 20.05 Uhr auf SF1. (Der Bund)

Erstellt: 01.02.2009, 07:08 Uhr

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