Kultur

Dominanzgebaren und Perlenkette

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 12.01.2011 10 Kommentare

Zum 40. Jubiläum des Schweizer Frauen-Stimmrechts, hebt «anabelle» die vier Bundesrätinnen auf den Titel ihrer neuesten Ausgabe. Was sich aus dem Foto herauslesen lässt.

Das Cover der neuen «annabelle»: Unsere Bundesrätinnen, fotografiert von Brigitte Lacombe.

Vor vierzig Jahren wurde den Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugestanden, heute ist das weibliche Geschlecht mit vier Politikerinnen im Bundesrat vertreten. Und weil sich das Datum der damaligen Abstimmung am 7. Februar zum vierzigsten Mal jährt, hat das Frauenmagazin «annabelle» die vier Bundesrätinnen auf den Titel der kommenden Ausgabe gehoben. Abgelichtet wurden die Damen von der renommierten Fotografin Brigitte Lacombe. Das Klassenfoto-artige Bild ist eine Steilvorlage für Interpretationen, die wir hier also versuchen wollen.

Breite Schultern, gespanntes Lächeln

Zunächst fällt auf, dass das Bild schwarz-weiss beziehungsweise grau in grau ist – eine ästhetische Entscheidung, die Fragen aufwirft: Dass unsere Bundesrätinnen als graue Mäuse dargestellt werden sollen, darf man wohl ausschliessen, schliesslich sind sie alle vier elegant herausgeputzt. Der Verzicht auf Farbe dürfte eher als Akt des Understatements gewertet werden. Die Bildkomposition ist einigermassen genial: Mit Calmy-Rey und Widmer-Schlumpf hinten stehend und Leuthard und Sommaruga vorne sitzend, haben wir eine klare horizontale Bildaufteilung. Rechterhand sind die beiden Vertreterinnen der SP platziert, beide mit gemustertem Blazer, was die Parteikolleginnen optisch verbindet. Links finden sich Widmer-Schlumpf und Leuthard. Calmy-Rey überragt als Bundespräsidentin ihre Kolleginnen nicht nur grössenmässig, auch ihre Schultern im gepolsterten Blazer nehmen mehr Raum ein, als die der andern. Calmy-Reys Lächeln zeigt eine volle Zahnreihe, wirkt aber leicht angespannt. Die Bundespräsidentin deutet damit an: Ich kann charmant sein, aber ich habe auch Biss.

Zähne zeigt auch Doris Leuthard – dies dürfte einerseits der Bildkomposition zu verdanken sein, denn die beiden offen lächelnden Frauen bilden so die eine diagonale Achse, Sommaruga und Widmer-Schlumpf mit geschlossenem Mund die andere. Leuthards Lächeln aber ist, anders als bei Calmy-Rey, gewohnt locker, es ist schliesslich auch ihr Markenzeichen, Pfand ihres erotischen Kapitals, welches sie ihrerseits als Bundespräsidentin sehr effizient umzusetzen wusste.

Tendenz zur Mitte

Kommen wir zu den Details. Evelyne Widmer-Schlumpfs Kopf ragt deutlich nach rechts zur Bildmitte. Daraus könnte man ihre Sorge lesen, nicht richtig dazu zu gehören, mit einem verschmitzten Schmunzeln deutet sie an, dass sie diesbezüglich zuversichtlich ist – immerhin ist man unter Frauen. Sommarugas Lächeln mit steifer Oberlippe wirkt dagegen leicht skeptisch, vielleicht, weil Bundespräsidentin Calmy-Rey ihr die Hände fürsorglich auf die Schultern gelegt hat. Die Geste verschmälert Sommarugas Schultern optisch, was dem Ganzen einen leichten Anstrich von Dominanzgebaren gibt, mit der die Ältere der Newcomerin die Hierarchie deutlich macht. Dafür zeigt Sommaruga den grössten Ausschnitt, der durch ihre Perlenkette betont wird und vor dem dunklen Hintergrund schön zur Geltung kommt – noch setzt sie ihre Akzente also mit einem klassischen ästhetischen Reiz – aber ihre gespannte Haltung macht deutlich, dass dies nur eine Übergangslösung ist. Die beiden SP-Frauen bilden einen relativ statisch wirkenden Block, im Gegensatz zu ihren Kolleginnen in der linken Bildhälfte. Schlumpf tendiert zur Mitte, Leuthard, der die Fransen in die Augen fallen und die sich mit ihrem gestreiften Rolli betont ungezwungen gibt, scheint dagegen leicht nach links auszuscheren, als sei sie auf dem Sprung.

Alles in allem scheint das Bild zu sagen, dass die Damen genau wissen, was auf sie zukommt. Calmy-Rey wird in ihrem Amtsjahr nicht versuchen, mit dem Stil der sympathischen Doris Leuthard zu konkurrieren, sondern setzt auf diskret vermittelte Stärke. Sommaruga ist bereit, sich dem unterzuordnen, allerdings auf Zeit. Leuthard weiss um ihre Stärken, welche sie im vergangenen Präsidialjahr voll ausspielen konnte, weshalb sie es jetzt locker nimmt. Und Widmer–Schlumpf wirkt zwar schmal, aber stabil und gibt deutlich zu erkennen, dass sie bereit ist, ihren Anteil zur Konkordanz beizutragen. Vier Freundinnen? Wir werden sehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.01.2011, 14:43 Uhr

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10 Kommentare

Urs Wernli

12.01.2011, 16:29 Uhr
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Es ist zu hoffen dass die IQ Summe wenigstens 100 ergibt. Urs Wernli Antworten


Dominik Bregy

12.01.2011, 16:34 Uhr
Melden

Haha, sehr schöne Bildanalyse. Danke fürs amüsante Ausnutzen dieses Steilpasses. Antworten




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