Emil und die Emile

Der immer aktive Autor und Kabarettist Emil Steinberger wird heute achtzig Jahre alt. Seine nunmehr historische Kabarettfigur ist das sympathische Monument des kuriosen Deutschschweizertums.

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Der Journalist, Schriftsteller und Regisseur Werner Wollenberger hat den Kabarettisten Emil Steinberger einmal eine Mischung aus Karl Valentin und Ödön von Horvath genannt; und einen Durchschauer und Durchhörer des schweizerischen Durchschnittswesens, dessen darstellbare Gestalten er aus der Beobachtung des lebenden Objekts gewinne. Und das war schon richtig.

Aber vielleicht noch richtiger war Wollenbergers Satz, er sei einfach der, als den er sich bezeichne, schlicht der Emil, nicht mehr, aber auch kein bisschen weniger. Die Figuren, die er spielte – oder sollte man sagen: die er war in seinem steinbergerschen Seelenkern? –, sie sahen ja alle aus, als ob sie Emil hiessen, der Vater im Verkehrshaus, der Vereinskassier oder der Kioskpächter vom Meisenweg. Er hat sie gewissermassen in die Ewigkeit eingereicht, und der Teil von ihnen, der sterblich ist, der Steinberger eben, wird nun morgen achtzig und kann immer noch nirgendwohin gehen ohne seine Schöpfungen, diese anderen, die immer einer waren.

Über die Transistoren buchen

Er wurde sie auch damals nicht los, als er einmal genug davon hatte, mit ihnen verwechselt zu werden, und nach New York ging, 1993, wo er es erstaunlich lang und gern aushielt: als ein «Nobody» (so nannte er das), dem nicht mehr gleich jeder auf die Achsel haute und «Hoi Emil» sagte, weil er mit seinen Figuren per Du war. Als Steinberger schätzte er diesen Anstandsabstand und die Freiheiten der Unprominenz. Jedoch manchmal sind ihm die Emile nach Amerika gefolgt, und in der Schweiz haben sie ohnehin treu auf ihn gewartet als eine vitale, präsente Erinnerung, wenn es je eine gab.

In Steinbergers Abwesenheit hielt sein Publikum sie selbst am Leben, viele hatten den Emil ja auf der Bühne gesehen in 17 aktiven Jahren und hatten die Gestalten vor Augen und die Melodien im Ohr. Kinder, die ihn nicht mehr gesehen hatten, wuchsen auf mit seinen Schallplatten und machten gern den Emil, und so wurde vom Lehrling, der zäck einen Entscheid fällte, oder vom Kassier, der einen Posten auch über die Transistoren hätte nehmen können, manches Familienfest humoristisch befruchtet. Der Emil brauchte seinen Schöpfer gar nicht mehr für seine Unsterblichkeit. Als der wirkliche Steinberger in die Heimat zurückkam, 1999, neu verheiratet und zu Neuem gestimmt, traf er sozusagen sich selber in alter Frische.

Im Grunde ist er schon lang über diesen Emil hinaus und hat als Autor und Geschichtenerzähler eine andere, mehr steinbergersche Rolle gefunden. Aber es ist doch auch in ihm, das Emilhafte, als Teil einer freundlichen parodistischen Natur. Deshalb erträgt er, wie er einmal in einem Gespräch andeutete, die «Last» des Lustigseinmüssens mit Geduld und vielleicht auch mit Stolz und einer gewissen Freude am tadellosen Zustand seiner alten Erfindungen.

Unterhaltung als roter Faden durch ein Leben

Er definierte in jenem Interview damals seinen harmonisch «doppelten» Charakter: den Steinberger im Emil, der das kabarettistische Geschäft organisiere und zuverlässig arbeite; und den Emil im Steinberger, der seiner Lebtage gern einen guten Spruch für die Leute gemacht habe, im Kleintheater Luzern, im Circus Knie, sogar als Ministrant. Und man erinnert sich: Einige seiner berühmtesten Pointen kamen davon, dass er ein ausgebildeter Pöstler war in einer Zeit, als es noch Telegramme gab und einem Telegrafenbeamten der Bleistift abbrechen konnte. Denn darum sei es gegangen: immer um Unterhaltung als der rote Faden durch ein Leben.

Man möchte schwören, es waren nie Arglist oder Böswilligkeit in seinem Humor. Er behandelte seine Geschöpfe stets mit Freundlichkeit, auch wo sein Scharfblick fürs Kuriose eine sanfte Trottelhaftigkeit erkannte. Er hat der Lächerlichkeit etwas Liebenswertes gelassen, und trotzdem wurden ihm seine Figuren nicht unter der Hand unscharf und harmlos. In Göttingen, wo man ihm 2004 den Göttinger Elch verlieh, haben sies ihm ins Gesicht gesagt, er sei ein Satiriker, der menschliches Verhalten aus den Schlupflöchern des Alltags hervorkratze; und auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz hat er seit 2009 einen Stern der Satire, grad so wie Kurt Tucholsky.

Man liest, der Begriff «Satire» in seiner anspruchsvollen Härte habe den Emil immer recht beunruhigt. Er habe die Menschen doch einfach zu gern, um sie in die Pfanne zu hauen, sagt er dann. Allerdings mischt sich da in die Bescheidenheit, die keiner Fliege ein Haar krümmt, womöglich etwas Koketterie. Emil Steinberger wird seine böseren Seiten und seine immense Begabung zum quasi surrealen Realismus schon auch selber kennen.

Sockenrand und Hosensaum

Der gescheite, 1972 verstorbene Werner Wollenberger übrigens hat noch viele schöne und richtige Sachen über ihn gesagt. Das war so um 1970 im Schweizer Fernsehen DRS seinerzeit und ist aufbewahrt auf der DVD «Emil – Unvergässlichi Gschichte» (Edition E, 2004). Und wie man Wollenberger nun sitzen sieht mit einer absurd farbigen Krawatte und mit etwas zu kurzen Socken und einem Stücklein bleicher Nacktheit zwischen Sockenrand und Hosensaum und wie er davon spricht, dass der Emil «die Sprache der Sprachlosen» formuliere und wie die Sprachlosen ihn dafür lieben und die Intellektuellen ihn schätzen, da denkt man: eine kleine Zuspitzung, und sogar dieser Wollenberger könnte bigoscht vom Emil sein.

Und ob das nicht auch eine Definition von Klassik sei in diesem speziellen Fall: die fortwährende Betrachtung der Wirklichkeit unter dem Aspekt ihrer emilschen Möglichkeiten und Erscheinungsweisen. Wir, kurzum, gratulieren Emil Steinberger sehr herzlich zu seinem achtzigsten Geburtstag und dem Emil zu seinem ewigen Leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2013, 20:12 Uhr

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