Er schaut gelangweilt drein und kann seinen Text nicht
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 06.07.2011 1 Kommentar
Werbefilm für L'Oréal
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Er ist gebildet, er ist vielseitig, er leidet an Depressionen: Hugh Laurie bringt alles mit, was ein grosser englischer Komiker haben muss. 1959 in Oxford als viertes Kind einer Arztfamilie geboren, studierte er Archäologie und Anthropologie, etablierte sich in Cambridge als Komiker, entwickelte mit seinem besten Freund Stephen Fry ein gemeinsames Fernsehprogramm und reüssierte mit seiner besten Freundin Emma Thompson in mehreren Filmen.
Als habe er Magenkrämpfe
Als Engländer hatte Laurie kaum Chancen für jene Hauptrolle, die ihn zum bestbezahlten amerikanischen Seriendarsteller machen sollte. Die des schlecht gelaunten Diagnostikers Gregory House nämlich, der Menschen wie Fälle behandelt und Patienten nur dann sehen will, wenn sie an etwas Interessantem sterben.
Laurie bewarb sich trotzdem: mit einem Videoclip aus einem Hotelbadezimmer in Namibia, wo er damals gerade drehte. Den Akzent bekam er so gut hin, dass man ihn in Hollywood für einen Amerikaner hielt. Mit seinem Video, «das aussah wie von Bin Laden», wie sich ein Produzent erinnert, deklassierte er die amerikanische Konkurrenz.
Sieben Jahre und Staffeln später mimt Hugh Laurie immer noch den zerknitterten Misanthropen, der wegen eines Ärztefehlers am Stock geht, Morphinderivate verzehrt, alle Patienten für Lügner hält und findet, die Menschheit sei überschätzt.
Und wofür kann man eine solche Figur werben lassen? Für Schönheitscreme gegen Falten natürlich, fand die Firma L’Oréal. Buchte den Schauspieler und setzte ihn vor ihre Kamera. Viel gibt es als Kulisse nicht zu sehen. Grelles Licht strahlt auf kahles Dekor. Hugh Laurie sitzt gelangweilt im zu grossen Sessel. Eine junge Frau feilt ihm die Nägel. Der Star kann seinen Text nicht, hat vom Produkt keine Ahnung und für die Schönheitsindustrie keinerlei Respekt. «I care about beauty», murmelt er einmal; er schaut drein, als habe er Magenkrämpfe.
Paradoxe Kommunikation
Mit seinem mürrischen Auftritt reiht sich Laurie in die ironische Tradition der Negativwerbung, die in England besonders geschätzt und von englischen Komikern auch besonders gut betrieben wird. Zum Beispiel von Stephen Fry (hochgebildet, extrem vielseitig, schwer depressiv), Rowan Atkinson (gebildet, vielseitig, nicht depressiv) und vor allem John Cleese (gebildet, sehr vielseitig, leicht depressiv). Der warb für seinen Film «A Fish Called Wanda» mit lauter Verrissen und liess seine Mutter mit dem Satz auftreten: «Gehen Sie den Film schauen, sonst schafft mich mein Sohn ins Altersheim». Einen Werbespot für die Liberaldemokraten begann er mit der Empfehlung, doch am besten das Programm zu wechseln. Dabei gehört Cleese der Partei selber an.
«Paradoxe Kommunikation», nannte das Paul Watzlawick, der berühmte Kommunikationspsychologe: Man sagt das Gegenteil dessen, was man meint; tut das aber so konsequent, dass das Gemeinte akzeptiert wird, das sonst verworfen würde.
Alle grossen Komiker, ob englisch, gebildet, vielseitig oder depressiv, haben die paradoxe Kommunikation zur Meisterschaft getrieben. Dass sie mit derselben Methode auch Werbung machen, sagt noch nichts gegen ihre Komik. Es sagt bloss einiges darüber, wie schnell ein Paradox zum Bestandteil des Konformen wird. Die Verhöhnung ist die Garantie dafür, dass der Verhöhnte souveräner wirkt als alle anderen: weil er erst für seine Verhöhnung bezahlt. Und diese Verhöhnung dann stolz herumzeigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.07.2011, 11:38 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Kultur
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten



