«Expedition Robinson» – was weiter geschah

Mit TV3 gingen auch die Robinsons baden: Die letzte Staffel «Expedition Robinson» wurde nie gezeigt. Was in dieser wirklich geschah, erfahren Sie hier, als Weltpremiere sozusagen.

Als die Robinson-Welt noch in Ordnung war: Teilnehmer der ersten Staffel 1999 bei einem Gruppenspiel.

Als die Robinson-Welt noch in Ordnung war: Teilnehmer der ersten Staffel 1999 bei einem Gruppenspiel. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Aus kam vor dem Ende. Nur drei Tage musste auf der Insel noch gedreht werden, da kam der Anruf aus Zürich. Es war November 2001, und die dritte Staffel «Expedition Robinson» war Geschichte, bevor sie diese schreiben konnte. Die Tamedia, die auch diese Zeitung herausgibt, hatte TV3 den Stecker gezogen, weil der Traum vom nationalen Fernseher zum finanziellen Albtraum zu werden drohte.

Die Staffel drehte man zwar noch fertig und schnitt das Material. Ausgestrahlt aber wurde das Format, das zuvor Hunderttausende vor die Fernseher getrieben hatte, nicht mehr. Die Robinsons waren auf einen Schlag wie die Gestrandeten in einer anderen TV-Serie: «Lost», und die Sendebänder schienen es auch zu sein.

Noch immer jung

Doch jetzt liegen sie da, geborgen aus einem dunklen Firmenarchiv: Die Videos aus der Zeit, in welcher der 11. 9. zu «Nine Eleven» wurde und die Jets der Swissair am Boden blieben. Dreizehn Sendungen, die seit Jahren kein Mensch gesehen hat und – so sieht es aus – nie mehr sehen wird.

So muss es sich anfühlen, wenn sich TV-Macher einmal im Jahr in Los Angeles treffen, um neue Serien zu begutachten. Und weil es sich so anfühlt, fragt man sich: Kann die Staffel ihre Jahresringe wegstecken, wie eine alternde Hollywood-Diva die wegspritzt? Sie kann es, ziemlich gut sogar. Weil Schweizer in Badehosen auch 2001 nicht viel anders aussahen. Und weil Schweizer vor zehn Jahren nicht anders giftelten, als sie das heute tun.

Denn ums Menscheln gehts in Reality-Soaps schliesslich. Und wenn die Robinsons noch keine Crocs trugen, weil es die damals noch nicht gab, darüber kommt man schnell hinweg. Band I ab: Der Captain meldet sich aus dem Off: «Wohin diese Reise führt, sie wissen es nicht. Es erwartet sie das grösste Abenteuer ihres Lebens.»

14 Verdächtige

Sie, die 14 Robinsons, die den Daumen in die Luft halten in den ersten Einstellungen. «Sali zäme», sagt Ralph, der seine Grenzen kennen lernen will. Sagt Simone, die geniessen will. Sagt Dusan, der erfahren will, wie weit er kommt. Bis auf die Stacheln eines Seeigels, doch dazu später.

Wie in den Vorgängerstaffeln skizziert die erste Sendung einen Plot, den man aus Agatha-Christie-Krimis kennt. Ein Raum, 14 Verdächtige. Mit Porträts werden sie eingekreist. Nur wird nicht nach «Who done it?» gefragt, sondern «Wer gewinnt?», und dass die spätere Gewinnerin anfangs nur wenig zu sehen ist, hat dramaturgische Gründe. «Mörderin» ist immer die, von der man es am wenigsten vermutet. Ansonsten gilt: Sommer, Sonne, Sandstrand, an dem die Robinsons – noch ganz Touristen – sagen: «Mer findet sicher es Plätzli.» Man findet es, baut gemeinsam eine Hütte, bis dunkle Wolken das Unheil ankünden. Der Captain meldet sich aus dem Off:

«Ein Sturm zieht auf. Wie schützen sich die Teilnehmer? Gleich bei Expedition Robinson.»

Dann wird es tatsächlich dunkel auf dem Bildschirm. Aber nicht weils stürmt. Weil auf dem Tape Platz für Spots freigehalten wurde.

Nach der Werbung ist dann nach dem Sturm. Alle nass, und irgendwie ist nun fertig lustig. Dafür – und die Produzenten werden Freudensprünge gemacht haben – hat Amor über Nacht einen Pfeil verschossen. Die perfekte Vorlage für den Cliffhanger vor dem nächsten Werbeblock: «Wie haben Fabienne und Markus die erste Nacht verbracht – hat es schon gefunkt? In Kürze bei Expedition Robinson.»

Und wie es gefunkt hat. Was die OffStimme aber ausblendet: «Wie reagieren die anderen Robinsons auf die junge Liebe?» – Denn auf der Insel im südchinesischen Meer geht es um 150 000 Franken und nicht um Liebe. Wenn schon um Sympathie, und die verspielt, wer sich abkapselt. Den bestraft der Inselrat. Die Landsgemeinde, die in jeder Sendung einen nach Hause schickt.

Die Soap lebt von süssen Pfeilen

Markus hat Glück. Aufs Boot muss die, die ihn am härtesten kritisiert. Der schönste Kommentar am Abwahlsonntag ist dabei: «Ich habe gerne ehrliche Leute, darum wähle ich dich ab.» Von solch süssem Gift lebt die Doku-Soap auch 10 Jahre später noch, und natürlich von den Charakteren. Vom Trucker Ralph, der noch nie out of Europe war. Von Myrijam, die ihre Haarbürste mitgenommen hat. Vom ständigen Hunger und der Frage: Wer fliegt als Nächstes?

Ob in L. A. oder an der Werdstrasse, ewig dauert so ein Screening nicht. In L. A. muss sich der TV-Manager nach dem Pilot entscheiden, ob er die Serie kaufen will. An der Werdstrasse hat man immerhin die Möglichkeit, nach vorne zu spulen. In Folge II, in der Melanie die Segel streichen muss. In die Folge, wo Dusan auf den Seeigel tritt, und in Folge 13: Drei Leute stehen auf einem Pfahl. Wer hält länger durch. Simone, Carole, Thomas? Simone hat als erste fertig. Thomas, im normalen Leben Börsenhändler, beginnt vom Schiffen im Stehen zu bluffen. Vor dem Inselrat schifft er dann selber ab. And the winner is . . . war, muss man wohl sagen: die Carole aus Z., die zwei Jahre schweigen musste, um 2004 doch noch ein kurzes Gastspiel in den Medien zu haben. Schade sei nur, dass sie die Sendung nie habe sehen können, sagte sie damals.

«Ziemlich schräg»

Noch im gleichen Jahr ergab sich die Möglichkeit. 13 Stunden, verteilt auf zwei Abende. Wie wars? «Ziemlich schräg», sagt Carole am Telefon – und es ist eigenartig, eine Stimme wieder zu hören, die man auf jahrealten Videos zuvor erstmals gehört hat. Es klingt wie ein Anruf aus der Zukunft. Schräg, erzählt die heute 31-Jährige, weil all die Gefühle, die man verdrängt habe, wieder hochgekommen seien. – Nein, das Schweigen sei Ihr nicht schwergefallen. Es hätten ja nur ihre Eltern von der Insel gewusst. Für ihre Freunde sei sie auf Geschäftsreise gewesen. – Denken Sie noch an Mensirip? Höchstens wenn sie Fotos sehe. Selbst Kokosnüsse könne sie inzwischen wieder essen, sagt die Frau, die man als Zürcher Tussi verkaufte. Gestört habe sie das nie, sagt Carole, und en passant – die Frage war, ob das Liebespaar noch immer eines sei – erfährt man Interessantes: dass sie das nicht wisse, dass Fabienne und Markus aber bereits vor der Sendung ein Paar gewesen seien. Vor neun Jahren wäre nun ein Bömbchen geplatzt. Heute fragt man sich:

«Lieben sich Fabienne und Markus noch immer? Und: Haben die Produzenten gewusst, wie mit ihnen gespielt wurde?»

Die Frage geht an den Mann, der als Insel-Darwin die natürliche Selektion überwachte, an Silvan Grüter, der heute für Radio 1 arbeitet. Grüter lacht. Nein, davon höre er erstmals. Er erinnere sich aber, dass die beiden rasch wieder von der Insel wollten und erst nach Zureden geblieben seien. So war das damals also, denkt man sich und spult, etwas wehmütig, das Band zurück. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.03.2010, 14:45 Uhr)

Werbung

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Die Welt in Bildern

Schirmrevolution: Das Symbol der pro-demokratischen Proteste in Hongkong (24. Oktober 2014).
(Bild: Damir Sagolj) Mehr...