«Ich habe 26'000 Leute hinter mir»

Bloggerin Pony M. stellt sich im SRF-Projekt «Ich, die Mehrheit» drei Wochen lang der direkten Demokratie – und lässt sich sogar sagen, wie sie abstimmen soll.

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Im Rahmen des SRF-Projekts «Ich, die Mehrheit» geben Sie Ihre Entscheidungen drei Wochen lang zur Abstimmung frei. Ein User im Forum schrieb, das habe eher was mit Selbstdarstellung als mit direkter Demokratie zu tun. Was sagen Sie dazu?
Natürlich gibt mir das Publicity und natürlich sage ich dazu nicht Nein. Meine primäre Motivation ist aber das Thema der angeblichen Politikverdrossenheit, das mir am Herzen liegt. Ich habe 26'000 Leute hinter mir – diesen Zugang kann ich nutzen, um einen Diskurs anzuregen.

In der Abstimmung dieser Woche stellen Sie die Frage, was Sie bei der Mindestlohninitiative stimmen sollen. Treiben Sie damit nicht Schindluder mit den Bürgerpflichten, für die Sie sensibilisieren wollen?
Das ist die einzige Vorlage, bei der ich klar hinter beiden Antworten stehen kann. Aus wirtschaftlicher Perspektive sehe ich ein Nein, aus idealistischer Perspektive verstehe ich die Befürworter. Mit dieser Frage wollten wir den Leuten aber auch signalisieren: Hier geht es um etwas. Ihr nehmt wirklich Einfluss.

Gestern liessen Sie die Mehrheit entscheiden, ob Sie sich einem DNA-Test auf Cystische Fibrose unterziehen sollen – Sie sind familiär vorbelastet. Die Abstimmung fiel negativ aus. Wo setzen Sie bei den Fragen Ihre Grenzen?
Alle anderen Tagesabstimmungen wurden vom Team im Vorfeld erarbeitet – am Schluss konnte ich immer noch Nein sagen. Diese Frage war mir aber wirklich persönlich wichtig. Die Cystische Fibrose ist die meistverbreitete Erbkrankheit, 7 Prozent der Bevölkerung tragen ein krankes Chromosom. Trifft so jemand auf einen anderen Träger, liegt die Wahrscheinlichkeit, ein erkranktes Kind auf die Welt zu bringen, bei 25 Prozent. Es ist also wichtig, über das Thema zu sprechen, denn viele Leute sind sich dieser Risiken gar nicht bewusst. Und wenn ich persönlich mich jetzt nicht damit auseinandersetze, muss ich es später tun.

Hat Sie das Nein überrascht?
Die Frage trug den Übertitel «Der gläserne Mensch». Ich glaube, das hat die Leute abgeschreckt. Vielleicht kamen da Assoziationen zu diesem amerikanischen Modell, das dich komplett durchleuchtet und alle Krankheitswahrscheinlichkeiten abcheckt. Das würde mir aber überhaupt nicht entsprechen.

Nicht alle Ihre Fragen sind so grundlegend. Wie wählen Sie in diesen Fällen aus?
Dort versuche ich mich ein bisschen zu fordern, so dass eine Option immer unangenehm ist. Sehr gespannt bin ich zum Beispiel auf die Frage, ob ich mich einen Tag oder eine Woche vegan ernähren soll. Ich kann zwar sagen: Leute, ich liebe Fleisch! Aber ich geh jetzt mal davon aus, dass ich eine Woche ohne leben muss.

Und wen interessiert das jetzt? Soll das wirklich gesellschaftlich relevant sein?
Gesellschaftlich relevant ist, was die Leute beschäftigt– ob tiefgründig oder trivial, ist eher nebensächlich. Ich will nicht nur der Fleischfresser sein, der ein bisschen mit den Veganern diskutiert. Auf diese Weise erfahre ich es am eigenen Leib. Ich meine, offensichtlich sind wir extrem privilegiert und können uns deshalb überhaupt an solche Themen heranwagen – an diesem Punkt könntest du aber alles hinterfragen und als sinnlos abtun.

Als urbane Bloggerin entsprechen Sie ja genau der prototypischen Vertreterin der Generation Y, der immer vorgeworfen wird, Lifestyle und Selbstbespiegelung stünden im Vordergrund.
Wir sind eine bequeme Gesellschaft, und da nehme ich mich auch überhaupt nicht heraus. Ich bin zwar zum Abstimmen erzogen worden, dafür mache ich andere Dinge nicht, die Leute vielleicht wichtig finden.

Zum Beispiel?
Ich lese wenig. Ich schaue Filme und Serien. Das nervt mich ab und zu. Mit dem Abstimmen ist es vielleicht das Gleiche: Es ist ein bisschen aufwendiger. Man muss sich einem Thema widmen, das man vielleicht gerade nicht ultraspannend findet. Und man muss sich festlegen. Das ist ja sowieso ein riesiges Thema in unserer Gesellschaft – sei es in der Liebe, im Beruf – oder im Internet. Vier Minuten Zeit, die du dort einem einzigen Beitrag widmest, sind ja schon viel. Das Commitment wird angesichts des ganzen Kurzfutters immer wichtiger.

Welchem Thema würden Sie sich verschreiben, wenn Sie denn könnten?
Ich würde dem Bundesrat gerne mal sagen: Kümmert euch um die Arbeitszeiten der Ärzte! Das leuchtet mir einfach nicht ein, diese Zustände. Mein Vater ist Arzt, mein Bruder ist Assistenzarzt: Der schuftet sich krumm für einen nicht exorbitanten Lohn – da verdient ein 25-Jähriger frisch ab Studium bei der UBS mehr. Wenn aber doch jemand nicht überarbeitet sein sollte, dann der, der dir im Hirn «herumguslet». Wie um alles in der Welt kann es sein, dass das noch nicht mehr thematisiert wird? Wenn solch humane Angelegenheiten wirtschaftlich abgetan werden; damit kann ich als Mensch schlecht umgehen.

Und, werden nach diesem Projekt bei der nächsten Abstimmung ein paar Leute mehr an die Urne gehen?
Das wäre meine Hoffnung. Es geht ja nicht darum, Leute zu gewinnen, die sagen: Abstimmen ist scheisse. Es geht um die, die sich das schlicht nicht wirklich überlegen. Die Auseinandersetzung, das Anwerfen des Hirnmotors, das ist mir wichtig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2014, 10:20 Uhr

Zur Person

Yonni Meyer alias Pony M. (32) ist studierte Psychologin. Vor weniger als einem Jahr kündigte sie ihren Job bei einer Beraterfirma und startete ihren Blog auf Facebook, der mittlerweile fast 27'000 Follower hat. Ausserdem schreibt Meyer für das Onlineportal Watson und für das Magazin «Kult».

Das SRF-Projekt «Demokratisiert mich! – Ich, die Mehrheit» läuft vom 27. April bis zum 18. Mai. Hier können Sie abstimmen.

Trailer

«Demokratisiert mich!»: SRF-Trailer zum Projekt

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