In der Hölle der Klischees

Vergewaltigende Bodybuilder, eine zusammengeschlagene Ballerina und ein Bitchfight: Der Ludwigshafener «Tatort» war brutal.

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Eine vergewaltigte und brutal zusammengeschlagene Ballerina, die verkohlte Leiche eines Bodybuilders – und eine Mutter, die darüber entscheiden musste, ob sie die Maschinen abschalten will, die ihre missbrauchte Tochter am Leben erhalten: So viele brutale Taten und eine derart schwere Entscheidung gab es schon lange nicht mehr in einem einzigen «Tatort» – wie dem jüngsten aus Ludwigshafen, den wir am Sonntag zu sehen bekamen.

Nach dem Willen des Drehbuchautors hätte man also ganz schwer betroffen sein müssen, als Kommissarin Lena Odenthal in den allerletzten Minuten mit einigen Berührungen auf dem Touchscreen das Leben der jungen Tänzerin beendete, die da im Koma lag. Aber was da als Krimi-Melodram unser Mitleid erregen sollte, hatte gerade den gegenteiligen Effekt. Denn so viele nervige Klischees wurden schon lange nicht mehr aufgeboten wie in diesem «Tatort».

«Schon 180 Likes»

Da waren zunächst einmal die Bodybuilder, die Marie vergewaltigt hatten und die beide – wie könnte es anders sein – sichtbar einen Migrationshintergrund hatten. So kennen wir das ja bereits aus der SVP-Kampagne, die 2010 mit dem stiernackigen «Vergewaltiger» Ivan S. Stimmung für die Ausschaffungsinitiative machte. Ausserdem gab es in diesem «Tatort» auch noch ein beispielloses Dummchen, das zwecks Ablenkung mit einem der bald toten Bodybuilder vögelte, dabei einige Fotos machte – und diese ins Netz stellte: «Für den Fame», wie sie erklärte, «ich hab schon 180 Likes deswegen. Das ist ganz oben in den Charts. Da labern alle drüber.»

Die Mörderin der beiden Vergewaltiger war dann übrigens die Freundin der Ballerina, die Marie abgöttisch bewunderte – vielleicht gar liebte. Ausgereizt wurde nicht zuletzt der klischierte Gegensatz von Vernunft und Gefühl, der in diesem «Tatort» mal wieder als Bitchfight inszeniert wurde: Zwischen der jungen Kommissarin Johanna Stern, welche die knallharte Ratio zu verkörpern hatte – und der ewigen Lena Odenthal, die mit Herz und Bauch ihren Ermittlungen nachgehen durfte, naturgemäss erfolgreich, auch wenn man die Empathie der verbissen wirkenden Ulrike Folkerts noch nicht mal im Ansatz abnahm.

Plumpe Klischees

So bleiben wir dabei: Lena Odenthal muss ihre Dienstmarke abgeben, damit im «Tatort» aus Ludwigshafen endlich Dynamiken jenseits der plumpen Klischees möglich sind. Ausserdem sollte man endlich ein Dialektverbot erlassen, damit man «Tatort»-Nebenrollen wie den Gebrauchtwagenhändler und den Kriminaltechniker auch auf Anhieb ohne Untertitel versteht, denn nur die sprechen Dialekt – und auch das ist inzwischen ein sattsam bekanntes Klischee. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.02.2016, 21:46 Uhr)

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