Keine Arbeit? Ab ins Ghetto!

Die neue TV-Serie «Stadt ohne Namen» zeigt eine Welt, in der es für 80 Prozent der Menschen keine Jobs mehr gibt. Ein unheimliches Szenario.

Düstere Aussichten: Der Trailer zu «Stadt ohne Namen». (Quelle: Youtube/Arte)


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Es war das Leitthema am diesjährigen WEF in Davos. Wie verändert sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahrzehnten? Für die Forscher ist nämlich längst klar: Die vierte industrielle Revolution steht vor der Tür. Fortschritte in Robotik und künstlicher Intelligenz werden in den USA und Grossbritannien bald die Hälfte aller Arbeitsplätze vernichten. So eine Studie der Universität Oxford. Geschehen könnte dies bereits in den kommenden 20 Jahren. Für die Schweiz sehen die Prognosen kaum besser aus. Laut der Beraterfirma Deloitte werden hierzulande gut 48 Prozent aller Stellen der Automatisierung zum Opfer fallen.

Was aber wird aus einer Gesellschaft, in der so viele Menschen ihre Arbeit verlieren? Der renommierte Betriebsökonom Erik Brynjolfsson ortet ein enormes Konfliktpotenzial; Politik und Wirtschaft müssten sich deshalb dringend mit dem Thema befassen.

Was ansonsten passieren könnte, versucht eine neue Serie auf dem Kultursender Arte zu zeigen. «Stadt ohne Namen» vom belgischen Regisseur Vincent Lannoo zeichnet ein düsteres Zukunftsbild: lediglich 20 Prozent der Menschen haben noch Arbeit. Diese Privilegierten haben sich in eine Stadt hinter einer Betonmauer zurückgezogen, die 80 Prozent Arbeitslosen schlossen sie kurzum aus.

Im Paradies reissen Abgründe auf

Die Serie setzt dreissig Jahre nach dem Mauerbau ein. Terroristen haben mit der Entführung des Arbeitsministers die Regierung dazu gebracht, 10'000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. «Solidaritätsbeschäftigte» werden sie genannt, jene, die nach dem Zufallsprinzip einen der Jobs in der Stadt erhalten. Izia Katell gehört zu den Glücklichen. Die Frau erhofft sich mit der Anstellung eine bessere Zukunft für sich und ihren Teenager-Sohn Noah. Denn wo sie leben, in der «Zone», dem Getto im Schatten der riesigen Mauer, ist die Welt grau und kalt. Die Sonne scheint nur für Menschen, die Arbeit haben.

Natürlich trügt der Schein. Lannoos sechsteilige Serie funktioniert nach dem altbekannten Konzept dystopischer Fiktion: in jedem vermeintlichen Paradies gibt es Abgründe. Die Stadt der Privilegierten entpuppt sich so schon bald als wahrer Ort der Kühle: die Kinder werden auf Leistung getrimmt – mit Drogen und Hirnförderprogrammen. Die Arbeitenden sind missgünstig, opportunistisch und gehässig. Was wiederum nicht erstaunt, droht doch jedem die Ausschaffung in die «Zone», der im Job nicht spurt oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr leistungsfähig ist.

Daseinsberechtigung oder Folter?

«Stadt ohne Namen» ist eine spannende und modern erzählte Serie. Leider bediente sich Regisseur Lannoo etwas gar eifrig vom Wühltisch mit den Dystopien-Klischees. Brutalistische Architektur, uniformartige Kleidung, öffentliche Ansprachen auf Bildschirmen – man kennt es zur Genüge aus den Klassikern des Genres. Doch vielschichte Figuren und geschickt verflochtene Plots trösten zum Glück darüber hinweg. Und wie jede gute Dystopie ist auch die Arte-Serie dann am besten, wenn sie ihre Schatten zurück in die Gegenwart wirft.

«Trepalium» heisst die Serie im französischen Original. Der lateinische Begriff bezeichnete ein Folterinstrument, ist zugleich aber auch die Wurzel des Wortes «travail». Noahs Lehrer in der «Zone» erklärt dies seiner Klasse. Diese reagiert ungläubig, träumt doch ein jeder im Zimmer von einem der wenigen Jobs, von der damit verbundenen Verheissung eines besseren Lebens.

Es ist eine Schlüsselszene, in der auch der Zuschauer unweigerlich anfängt, über den Wert der Arbeit nachzudenken. Am Schluss lässt einen der Lehrer nämlich mit einer Frage zurück: «Ist es zwingend notwendig, zu arbeiten, um das Recht zu haben, jemand zu sein?» Ja, ist es das wirklich? Fragt man sich, während man schon die Kleider für den nächsten Arbeitstag auslegt.

Die ersten drei Folgen von «Stadt ohne Namen» laufen heute Abend ab 20.15 Uhr auf Arte. Drei weitere Folgen zeigt der Sender am Donnerstag, 18. Februar, zur selben Zeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.02.2016, 10:06 Uhr)

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