«Macht es Sie nervös?»

Im Kölner «Tatort» waren alle unglücklich verliebt. Zum Glück gabs noch den Popdoktor.

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Dieser «Tatort» war quasi ein Transvestit. Er hatte lange Wimpern, mit denen er gar heftig klimperte, und ein heiseres Timbre. Er fragte uns: «Haben wir nicht alle tief in uns die unerfüllte Sehnsucht?» Nun ja, dachte der Zuschauer. Doch der «Tatort» antwortete bereits: «Alle haben wir tief in uns die unerfüllte Sehnsucht.»

Und mit «alle» meinte er «alle». Die Mörder mordeten in «Wahre Liebe» aus Liebesleid. Das Opfer hatte eine Dating-Plattform erfunden. Alle von den Kommissaren befragten Frauen waren liebeskrank, natürlich. Eine brachte sich sogar um deswegen. Kommissar Max Ballauf selber sehnte sich nach Polizeipsychologin Dr. Lydia Rosenberg, und Polizeipsychologin Dr. Lydia Rosenberg sehnte sich nach Ballauf. Kommissar Freddy Schenk schien einer Affäre keineswegs abgeneigt. Und Assistentin Gabi, Single und so Ende dreissig, war auch schon ganz hibbelig.

Melodramatisch fielen die Blätter

Wechselweise wurde also dick schwarze Galle oder Zuckerguss aufgetragen. Friedrich Hölderlin hätte nicht romantischer Regie führen können: Es erklangen trotzige Disco- und klagende Blues-Nummern. Slow-Motion-Aufnahmen betonten die Wallungen der Gequälten und Verzückten. Melodramatisch fielen die Blätter herunter.

Der Film glich weit weniger einem Krimi als einer jener rosamundapilchernden Schmonzetten, die die Programme von ARD und ZDF verstopfen. Immerhin gab es zwei interessante Nebenrollen zu sehen: die neue Assistentin Gabi (gespielt von Kathi Angerer), eine Borderline-Figur, die zwischen kecker Verführerin und total verklemmtem Mädchen schwankte. «Die Frau macht mir Angst», sagte Schenk einmal. Man konnte das nachvollziehen.

Eine grosse bundesdeutsche Filmtradition

Und da war noch der Psychotherapeut Dr. Senfft (Christian Kerepeszki), der die Kommissare in seiner protzigen Praxis empfing und dort rhetorisch fabelhaft verwirrte. Senfft war ein ehemaliger Kommilitone und Verehrer des Opfers. «Ihr Tod scheint sie nicht sonderlich zu berühren», versuchte ihn Ballauf zu provozieren. «Was heisst das für Sie – ‚berührt zu werden’? Macht es Sie nervös, wenn die Menschen nicht so reagieren, wie sie es erwarten?», fragte Senfft zurück. Er war unrasiert und schnüffelte während des Gesprächs an einem Fläschchen.

Senfft reihte sich ein in die bundesdeutsche Filmtradition des Popdoktors, der einen rauschhaften Lebenswandel mit Fachkompetenz souverän und ungeniert zu kombinieren versteht; interpretiert wurde dieser interessante Typus unter anderen auch schon von Christoph Waltz (in «Herr Lehmann») oder Herbert Grönemeyer («Control»).

Aber was war nun mit dem Mörder? Wurde er denn gefasst? Ja, tatsächlich: irgendwann und irgendwo lösten Schenk und Ballauf den Fall auf. Aber das schien nicht mal sie selber richtig zu interessieren, zu sehr waren sie mit Sehnen und Schluchzen beschäftigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.09.2014, 21:46 Uhr)

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