Kuppeln, bis es weh tat
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 03.03.2010 29 Kommentare
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Die Nachricht brach wohl manchem TV-Zuschauer das Herz: «Swissdate», die Kupplershow auf TeleZüri, wird eingestellt. Zwar bloss eine billige Kopie des deutschen «Herzblatt», hatte die Sendung ein treues Publikum gefunden. In den spassigen 90er-Jahren gehörte «Swissdate» gar zum festen Ablauf des Wochenendes. Mit Freunden und Freixenet versammelte man sich vor dem Fernseher, um dem aseptischen Liebesreigen mit lässig-ironischer Distanz beizuwohnen.
Patty Boser hiess die Moderatorin und sie passte perfekt ins Jahrzehnt und zum Sendungsformat: Aufgestellt, frech und etwas provinziell. Im Laufe der Jahre folgten andere Moderatoren, doch das Konzept blieb dasselbe: Kollektives Fremdschämen bis jemand den Off-Knopf bemühte.
Interessanterweise war der Begriff der Fremdscham damals noch nicht gebräuchlich – «Swissdate» hat hier gewissermassen Pionierarbeit geleistet. Heute weiss man, was hinter dem zwiespältigen Gefühl zwischen Faszination und Fremdschämen steckt. Wenn unsere Aufmerksamkeit auf jemanden gerichtet ist, dem gerade Peinliches widerfährt, vermittelt das Gehirn eine Vorstellung davon, wie sich dies für uns selbst anfühlen würde. Die Psychologie spricht in diesem Fall auch von «Identifikation».
Identifikation! Ha! Eine bittere Pille für den spöttischen «Swissdate»-Fan. Lief eine typische Verkupplung auf Telezüri doch so oder ähnlich ab:
Frau: Samstags fröne ich zuerst meiner grossen Leidenschaft, dem Inlineskaten, da kann ich total abschalten. Dann koche ich für meine Freunde Spaghetti, wobei ein Glas Rotwein natürlich nicht fehlen darf! Was machst du an einem Samstag?
Mann: Ich bumse gerne...in dich hinein...mit dem Einkaufwägelchen im Glattzentrum.
Frau: Aha. Und wie sieht deine Traumfrau aus?
Mann: Äh, sie sollte sportlich sein. Und spontan.
Was natürlich so viel hiess wie «sexy und willig». Nach ein paar Wochen hatte man als Zuschauer alle Männer-Stereotype gesehen und die anzüglichen Fragen als Variationen von «was muss ich tun, damit ich dich nackt sehen kann?» decodiert. Immerhin schrieben die Kandidaten ihre mit zittriger Stimme vorgetragenen Antworten sympathischerweise selber. Beim «Herzblatt» übernahmen das angeblich professionelle Schreiber.
Ein weitere Säule des Sendungskonzepts war die Qual der Wahl der Kandidaten. Dass jeder Hans seine Grete findet, ist ja schon ausserhalb des Fersehstudios eine schwierige Aufgabe. Bei einer Auswahl von drei ziemlich zufällig aufgetriebenen Kandidaten, lauert der Zonk garantiert in jedem von ihnen. Umso herrlicher die gespielte Entscheidungsnot der Kandidaten, bevor sie sich für das geringste Übel entschieden! Und dann zusammen per Stretchlimousine in den Ausgang verreisten.
Das grösste Verdienst von «Swissdate» war aber weder die Steilvorlage zum Lästern noch jene zur Fremdscham. Es war das Gefühl, als Single nicht allein zu sein. Und vor allem: Die eigenen Aufrisstechniken gar nicht so übel zu finden. Grösseren Schiffbruch als die Kandidaten konnte man in der Balz ja nicht erleiden. So gesehen hat «Swissdate» verzweifelten Singles durchaus geholfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.03.2010, 11:24 Uhr
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