Lachen ennet dem Röstigraben

Seit einem Jahr läuft am Westschweizer Fernsehen mit «26 minutes» die beste Satiresendung der Schweiz. Weshalb eigentlich sind diese beiden Vincents so lustig?

Vincent und Vincent: Die Herren Kucholl (links) und Veillon in der Kulisse von 26 minutes. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Vincent und Vincent: Die Herren Kucholl (links) und Veillon in der Kulisse von 26 minutes. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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An alle, die im Französischunterricht nicht so gut aufgepasst haben: Es gibt zwei Gründe, das Versäumte nachzuholen. An alle andern: Es gibt zwei Gründe, am Samstagabend regelmässig Westschweizer Fernsehen zu schauen.

Grund 1: Vincent. Grund 2: Vincent.

Vincent Kucholl (40) und Vincent Veillon (30) bringen die halbe Westschweiz zum Lachen. Messbar! Zumindest wenn es gut läuft, wie jetzt gerade mit dem dreiteiligen Best-of ihrer Sendung «26 minutes». Dann flimmern die beiden am Samstagabend auf beinahe jedem zweiten TV in der Romandie.

Best-of «26 minutes» vom 26. Dezember 2015. Videos: RTS

Kucholl und Veillon waren schon vor dem Sendestart vor einem Jahr bekannt. «120 secondes» auf Couleur 3 war drei Jahre lang ein Fixpunkt, die beiden, ihre Figuren, ihre tägliche Sendung Kult. Der «seriöse» Journalist Veillon befragte Kucholl zu einem aktuellen Ereignis, dieser antwortete als Experte. Manchmal wusste ein Junkie Bescheid, manchmal ein Priester, ein Nationalbank-, Armee- oder Tamedia-Sprecher. Sie filmten ihre fingierten Interviews schon damals, stellten sie ins Netz – und wem 7.50 Uhr zu früh war, schaute nach, was die beiden so trieben. Denn was sie machen, macht süchtig.

Vor einem Jahr startete dann ihre Fernseh­sendung. So richtig wollte man sich darüber nicht freuen, denn der Schritt war nicht ohne Risiko: 26 statt 2 Minuten; mehr Aufmerksamkeit; grösseres Publikum. Walzen sie einfach aus, was am Radio gut funktioniert hatte? Bleiben sie sich treu? Und vor allem: Bleiben sie böse?

Best-of vom 2. Januar 2016.

Ein Jahr und dreissig Sendungen später kann Entwarnung gegeben werden. Sie bauten das erfolgreiche Radiokonzept ein statt aus. Daneben schufen sie neue Formate: Veillon interviewt in jeder Sendung einen richtigen Gast; daneben sitzt eine Figur Kucholls am Tisch – die darf alles, entsprechend lebendig und provokativ werden die Gespräche. Dann sind da die fiktiven Reportagen. Als US-Profi-Snowboarder Jeff Randl macht sich Kucholl auf nach Verbier, erzählt aus seinem Leben, erklärt, wie er hier Schwedinnen abschleppe. Reaktionen aus den USA bewogen «Le Matin» dazu, mit Kucholl eine Ausgabe aufzumachen: «Kucholl erzürnt Amerika». Oder: Ein von Kucholl gespielter Berater sucht einen neuen Namen für den Mobilfunkanbieter Orange. Über Zitrone, Kiwi, Banane und Pfeffer landete er bei Salt. Alle lachten über «26 minutes». Zwei Monate später wurde aus Orange? Genau.

Kucholl und Veillon sind böse geblieben. Sie erfanden eigens für Beamte einen lächerlichen Laufstil – einfach, aber Humor-technisch äusserst effizient, wie das Best-of zeigt: rennen mit durchgestreckten Knien. Als Walliser Bergführer nehmen sie reiche Touristen aus. In einem Spot für die Ecole-club Migrant bewerben sie Kurse für Flüchtlinge. Der gut aussehenden blonden SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz setzten sie Kucholl als Jung-SVPler und Bewunderer gegenüber. Der schwärmte für «unsere Marine».

Best-of vom 9. Januar 2016.

In ihrer intelligenten und zuweilen liebevollen Boshaftigkeit – und dem Mut, sie zur Primetime auszuleben – liegt die Antwort verborgen, weshalb Vincent und Vincent so lustig sind. Die Boshaftigkeit kommt selbst bei den Betroffenen gut an. Auf der Facebook-Seite der Waadtländer Kantonspolizei etwa wurde das Interview mit Polizist Pucky 1300-mal geliked. Das Mitglied eines Sondereinsatzkommandos kann seinen Neid auf die Pariser Kollegen nicht verbergen; dort passiere wenigstens mal was. Ähnlich äusserte sich in einer Sendung ein Priester; was die Aufmerksamkeit anbelange, müsse er eingestehen, seien die Islamisten derzeit Marktführer.

Sie würden das Fernsehen inzwischen sehr mögen, sagt Vincent Kucholl: «Nicht mehr nur Junge sprechen uns auf der Strasse an. Wir werden nun auch von 70-jährigen Damen gebeten, mit ihnen ein Selfie zu machen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:39 Uhr)

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Video

Das Interview mit Céline Amaudruz.

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