Leuenberger parliert im «Literaturclub» – hat aber das Buch nicht fertiggelesen
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 17.12.2008 17 Kommentare
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Wie schafft es ein Bundesrat bloss, nebst den Regierungsgeschäften so viel zu lesen? Das fragte sich auch Moderatorin Iris Radisch, schliesslich mussten die fünf Anwesenden für diesen «Literaturclub» insgesamt 1516 Buchseiten verschlungen haben. Leuenberger meinte, dass er das Lesen nicht als Freizeitaktivität betrachte: «Das gehört zu meiner Arbeit.» Literatur habe immer einen Bezug zur Politik. «Die Literatur beeinflusst das politische Denken», so der Bundesrat. Sitzt also Leuenberger an seinem Bürotisch in Bern und liest tagsüber Romane? Iris Radisch hat nicht nachgefragt.
Beim ersten diskutierten Buch, dem 976 Seiten dicken, preisgekrönten DDR-Wälzer «Der Turm», stellt Leuenberger sogleich klar: «Das ist das einzige Buch heute, das ich nicht vollständig gelesen habe... » Also doch! Aber er sagt dies in einer Selbstverständlichkeit, dass man es ihm nicht übelnehmen kann. Überhaupt gibt sich der Magistrat ungewohnt volksnah, sofern man bei dieser Sendung dieses Wort überhaupt in den Mund nehmen darf. Er distanziert sich immer wieder von den Kritikern in der Runde und stellt klar, dass er im Gegensatz zu ihnen «ein normaler Leser» sei.
Bekenntnis zur Unterhaltungsliteratur
Auf Radischs mit aufgesetzten Sorgenfalten ausgesprochene Vermutung, die Leute würden zwar Bücher kaufen, sie aber nicht lesen, erwidert der SP-Bundesrat, dass auch er nicht jedes gekaufte Buch lese. «Manchmal löscht es mir nach zehn Seiten ab, manchmal habe ich einfach keine Lust darauf.» Radisch hätte gerne von ihm gehört, dass die Leute immer lesefauler würden, dass der technische Fortschritt das Buch bedrohe. Doch dafür war Moritz Leuenberger nicht zu haben. Trotz seiner griesgrämigen Miene und dem gequälten Lächeln: Leuenberger ist kein Kulturpessimist. Und an diesem Abend war er auch kein Moralist.
Als er an der Reihe war, ein Buch vorzustellen, sagt er zuerst fast entschuldigend: «Das ist so etwas wie ein Bekenntnis von mir zur Unterhaltungsliteratur.» Der Roman «Gut gegen Nordwind» von Daniel Glattauer, besteht aus einem E-Mail-Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, die sich noch nie gesehen haben. Natürlich fühlen sich die beiden bald gegenseitig voneinander angezogen. Leuenberger zeigt sich vor allem von der Kommunikationsform fasziniert, mehrmals bringt er den Roman in Verbindung mit seinem Blog.
Um noch einmal klar zu stellen, dass es sich um ein einfaches Werk handle, sagt Leuenberger: «Das kann man schnell lesen, in der Mitte hängt es etwas durch, da kann man noch schneller lesen.» Die Kritiker – wer weiss, ob aus Respekt vor dem Bundesrat oder weil ihnen das Buch tatsächlich gefallen hat – analysieren es mit Worten, als handle es sich um ein Stück Weltliteratur. Worauf Leuenberger ihnen lapidar entgegnet: «Für mich geht es jetzt schon viel zu sehr in die Tiefe.» Womit Leuenberger an dem Abend nicht nur ein Bekenntnis zur Unterhaltungsliteratur, sondern auch zu einer lustbetonteren und weniger kopflastigen Literaturkritik abgab. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2008, 06:56 Uhr
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17 Kommentare
der bundesrat war wenigstens ehrlich . ich finde dicke bücher zu lesen wegen einer 80minütigen sendung ehrlich gesagt eine zumutung . ich selber bin fan von dicken bücher . der bundesrat hat sehr gut seine meinung geäussert und den unterhaltungswert von bücher betont. manchmal heben die professionelle bücherleser ab und versteifen in nichtsagende plapla.... Antworten
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