Literaturstar dank Tim und Struppi

Seit seinem Erstling «8½ Millionen» gilt Tom McCarthy als Held der jungen britischen Literatur. In seinem neuen Buch verrät er, wie er sein Handwerk gelernt hat: von Hergés Comics.

Der britische Autor und Künstler Tom McCarthy.

Der britische Autor und Künstler Tom McCarthy.

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Der billigste Kurs für angehende Schriftsteller ist im Fachhandel für 16.90 Franken zu haben. Der Lehrmeister heisst Hergé, das Buch ist unter dem Titel «Die Juwelen der Sängerin» erschienen; seine Helden heissen Tim und Struppi. So jedenfalls erklärt uns das der britische Autor und Künstler Tom McCarthy in seinem neuen Buch «Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur». Alles, was ein Schriftsteller über sein Handwerk wissen müsse, schreibt McCarthy hier, könne man von Hergé lernen. Meint der Mann das ernst?

Kontrollfreak-Thriller

Er tut es. «Natürlich ist das Buch nicht ohne Humor», sagt McCarthy beim Gespräch in London. «Aber ironisch ist es nicht.» Und er beharrt darauf, was er in seinem Buch schreibt: Wer den Band «Die Juwelen der Sängerin» nur sorgfältig genug studiere, komme dabei sämtlichen Betriebsgeheimnissen der Literatur auf die Spur. Er muss es wissen. Schliesslich knackte auch Tom McCarthy den Literaturbetrieb durch die Hintertür: Mit seinem ersten Roman «8½ Millionen» («Remainder»), einem Thriller über einen Kontrollfreak mit Wiederholungszwang, hat er sich aus dem Hinterhalt der Kunstwelt in die Bestsellerlisten geschlichen.

Erschienen bei einem kleinen Pariser Kunstverlag, war die Erstausgabe von McCarthys literarischem Debüt anfänglich in keinem regulären Buchladen zu kaufen, sondern ausschliesslich in Museumsshops und ausgewählten Galerien. Als Taschenbuch für den amerikanischen Markt wurde der Roman dann unverhofft zum heimlichen Bestseller, und im Herbst 2008 widmete Zadie Smith dem Buch einen sehr langen und sehr grundsätzlichen Essay in der «New York Review of Books». Smith, selber eine Galionsfigur der jungen englischen Literatur, würdigte den Erstling als einen der grössten britischen Romane der letzten zehn Jahre und adelte McCarthy im gleichen Atemzug zum Propheten eines neuen Erzählens.

Gebratene Knochen

Jetzt sitzen wir mit dem Propheten und neuen Star der britischen Literatur an einem winzigen Tischchen in einer ehemaligen Räucherkammer im Londoner Stadtteil Islington und teilen uns die gebratenen Knochen, die er für sich und den Gast bestellt hat. Freundlich hatte er sich nach kulinarischen Berührungsängsten erkundigt, wir zeigten uns furchtlos und mustern nun die Specksuppe und das gegrillte Markbein auf dem Teller: «Alte englische Küche aus der Zeit vor der Reformation, als es noch keine Sünde war, das Essen zu geniessen», sagt McCarthy heiter, während er das Mark aus dem Knochen hebt und eine Scheibe getoastetes Schwarzbrot damit bestreicht.

«Gefühle!» Er spuckt das Wort aus, als wärs ein Haar in der Suppe. McCarthy hat sich einer Literatur verschrieben, die er entschieden «antihumanistisch» nennt. Den heute gängigen Roman, der uns permanent an den Gefühlen seiner Protagonisten teilhaben lässt, sieht er als Rückfall in einen sentimentalen Humanismus. McCarthy ist ein AntiFranzen, der sich nicht auf den viktorianischen Roman beruft, sondern auf die radikalen ästhetischen Ideen der Moderne. Sein erster Roman liest sich wie der in Zeitlupe gezündete Sprengsatz eines Modernisten. Gefühle? McCarthys Protagonist ist ein Mann, dem die unmittelbare Empfindung abhanden gekommen ist.

Das beginnt mit einem doppelten Riss im Alltag. Dem namenlosen Ich-Erzähler von «8½ Millionen» ist ein rätselhafter Unfall zugestossen, über dessen nähere Umstände er nichts verraten darf. Die Zahl im deutschen Buchtitel, das ist die Summe, die ihm als Schadenersatz zugesprochen wird, in britischen Pfund. Der plötzliche Reichtum übersteigt die Vorstellungskraft des Erzählers, aber was dem Mann fehlt, scheint unbezahlbar. Nach dem Unfall hat er sein Leben von Grund auf neu lernen müssen, nun bewegt er sich durch den Alltag wie ein menschlicher Roboter, der an einem Überschuss an Bewusstsein leidet. Denn alles, was er tut, selbst die alltäglichste Geste, ist eingeübt. Das Leben fühlt sich an wie Secondhand.

Dann, auf einer Party, erlebt er ein sonderbares Déjà-vu. Im Badezimmer erblickt er einen Riss in der Wand, was ihn an ein Erlebnis aus seiner Zeit vor dem Unfall erinnert. Wie eine Welle des Glücks durchfährt sie ihn, diese Offenbarung, wie es war, als das Leben noch unmittelbar war, nicht antrainiert. Es ist ein seliger Rückfall ins authentische Dasein.

Fortan macht sich der Mann wie besessen daran, jenen unscheinbaren Moment der Erfüllung bis ins letzte Detail zu rekonstruieren. Er sucht die Stadt nach einem Häuserblock ab, der möglichst genau der Szene in seinem Gedächtnis entspricht, und kauft gleich das gesamte Areal auf. Er engagiert Ausstatter und einen ganzen Cast von Darstellern, welche die Kulisse getreu seiner Erinnerung bevölkern sollen – samt den Katzen auf dem Dach gegenüber und dem strengen Aroma von gebratener Leber, die eine Etage tiefer in einer Pfanne brutzelt.

Nichts ist unbezahlbar

Unsere gebratenen Knochen liegen bald wie ausgehöhlte Kadaver auf dem Teller, und McCarthy äussert sich ungeniert über die durchaus zwiespältige Mission des Kontrollfreaks in seinem Roman: «In gewisser Weise verhält er sich wie ein Nazi, der sein eigenes Konzentrationslager führt. Anderseits treibt er die Logik des neoliberalen Kapitalismus bis an den Punkt, wo sie kollabiert.» Es ist eben nicht so, wie uns das die Kreditkartenwerbung weismachen will: Nichts ist unbezahlbar in der entfesselten Domäne des freien Markts. Unser Held im Roman kann sich mit seinen Millionen einen ganzen Erinnerungspark im Originalmassstab einrichten – als lebensechte Prothese für den verlorenen Alltag vor seinem Unfall.

McCarthy selbst hatte einst mit dem Gedanken gespielt, das Re-Enactment der Erinnerung nicht in literarischer Form, sondern konkret als Installation in einer Kunstgalerie zu realisieren – ein Plan, den er aus Kostengründen wieder verworfen hat. Was am Roman nun besonders verblüfft: Auf der Ebene des Plots ist das ein existenzialistisches Gedankenspiel und ein Stück experimentelle Literatur, die mit allen Wassern des Poststrukturalismus gewaschen ist – aber statt uns sein superschlaues theoretisches Gerüst aufs Auge zu drücken, bringt es McCarthy gekonnt zum Verschwinden hinter einer Sprache, die noch die aberwitzigsten Auswüchse des Wiederholungswahns in fast protokollarischer Trockenheit schildert. Man darf das auch britischen Humor nennen.

Die Lust an der Wiederholung und der Kult um das Authentische, den der Erzähler treibt – beides mündet zuletzt in schieren Terror. Da trifft sich der Roman mit den künstlerischen Manifesten, die McCarthy als Mastermind einer obskuren, von ihm gegründeten Organisation produziert (siehe Artikel unten). Seine verspiegelten Fiktionen lässt er längst nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln wuchern. McCarthy bewegt sich leichthändig zwischen Kunst, Theorie und Literatur. Aber wie kommt er dazu, mit geradezu pedantischem Esprit die verborgenen Abgründe in «Tim und Struppi» auszuleuchten?

Menschliche Abgründe

Am Anfang war das Angebot eines Verlags, für eine Reihe über grosse Denker des 20. Jahrhunderts ein Buch über Derrida oder Freud zu schreiben. McCarthy konterte mit einem Gegenvorschlag: Lieber schreibe er ein Buch über Hergé, da könne er sich auch mit Derrida und Freud befassen, und es würde sich erst noch besser verkaufen.

Dabei beharrt er auch bei «Tim und Struppi» auf einem Kulturverständnis, das in gewisser Weise durchaus elitär ist. Die postmoderne Mode, Mickey Mouse auf dieselbe Stufe zu stellen wie Shakespeare, hält er für Unfug, als Schutzpatron für seine Tiefenbohrungen in der flachen Welt von Hergé beschwört er Roland Barthes. Und wenn Steven Spielberg jetzt die Abenteuer von Tim und Struppi fürs Kino aufbereitet, erwartet McCarthy nichts Gutes von dem Film: Die menschlichen Abgründe in Hergés Geschichten, sagt er, wären bei einem Regisseur wie David Lynch besser aufgehoben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2010, 17:39 Uhr

Infobox

Tom McCarthy: «Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur». Blumenbar, Berlin 2010. 260 S., ca. 30 Fr.

Tom McCarthy: «8½ Millionen». Roman. Diaphanes, Zürich 2009. 300 S., ca. 35 Fr. Auch als Hörbuch erhältlich, gelesen von Jürgen Kuttner. Tom McCarthy: C. Jonathan Cape, London 2010. 320 S., ca. 40 Fr. Erscheint auf Deutsch im Herbst 2011 bei DVA.

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