Kultur

Man kann auch die Showtreppe runterfallen

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 06.12.2010 34 Kommentare

Kurz nach dem «Wetten, dass...?»-Unfall waren gleich die Moralisten zur Stelle, die das Fernsehen anprangern. Das ist heuchlerisch, meint Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturchef Rico Bandle.

1/18 Der 23-Jährige erlitt eine schwere Verletzung am Halswirbel. Gemäss den Ärzten wurde auch das Rückenmark beschädigt.
Bild: Keystone

   

Am Samstag stürzte der 23-Jahre alte Wettkandidat Samuel Koch nach einem Sprung über ein fahrendes Auto, blieb liegen, die Moderatoren waren schockiert, ebenso die Millionen von Zuschauern zu Hause am Fernsehen. Die Kamera schwenkte sofort weg, die Sendung wurde abgebrochen.

Das grosse Ärgernis begann wenige Stunden nach dem Vorfall. In den Sonntagszeitungen, im Lokalfernsehen, auf Internetportalen waren bereits jene Kommentatoren zur Stelle, die schon immer alles gewusst haben wollten. Der Quotendruck sei schuld, glaubten fast alle zu wissen, es brauche nun einen Verhaltenskodex, meinte TV-Urgestein Kurt Felix, Alt-Radiopirat Roger Schawinski quasselte etwas von fehlenden Auffangnetzen, wie sie im Zirkus vorhanden seien, und «Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller meinte, wie «unglaublich» es sei, dass eine solche Wette überhaupt zugelassen werden konnte und stellte gleich die ganze Sendung infrage. Alles Unsinn.

Kaum Unfälle in der TV-Unterhaltung

29 Jahre alt ist die einst von Frank Elstner erfundene Unterhaltungssendung, über 1000, zum Teil tollkühne Wetten wurden seither ausgetragen. Und bis letzten Samstag gab es noch nie einen grösseren Unfall. Die Suva wäre mit der Bilanz wohl mehr als zufrieden. Auch sonst im Unterhaltungsfernsehen geschehen zum Glück äusserst selten schwerere Unfälle, das mussten all jene Journalisten erfahren, die nach dem Vorfall am Samstag von ihren Chefs den Auftrag erhielten, die schwersten Unfälle der deutschsprachigen TV-Unterhaltung aufzuzählen: Sie hatten alle Mühe, mehr als ein oder zwei nennenswerte Fälle zu finden.

Unfälle während einer Live-Sendung sind für TV-Sender der Supergau, entsprechend umfangreich sind die Vorkehrungen, sie zu verhindern. Doch bei allen Massnahmen: Ganz ausschliessen kann man ein Unglück nie. Genau so wenig, wie man bei einem Ski- oder Autorennen oder auch sonst im Leben unmöglich alle Risiken eliminieren kann. Selbst wenn sich die Branche den härtesten Verhaltenskodex auferlegen und «Wetten, dass...?» nur noch harmlose Wetten wie Bauchnabelertasten oder Zahlenauswendiglernen zulassen würde, könnte es sein, dass ein Gast mit Stöckelschuhen blöd die Showtreppe runterstürzt.

Der Ruf nach Massnahmen

«The Show must go on» heisst das oberste Credo im Showbusiness. Im Zirkus, wo – anders als von Schawinski geglaubt – trotz aller Sicherheitsvorkehrungen immer mal wieder Unfälle passieren, kann es vorkommen, dass im Hintergrund die Ambulanz einen verunglückten Artisten abtransportiert, während vorne die Vorstellung normal weitergeführt wird. Dass die Senderverantwortlichen nicht so weit gegangen sind, sondern Gefühle zugelassen und die Sendung schliesslich abgebrochen haben, ist zu begrüssen. Ebenso, dass man nun den Hergang genau untersuchen möchte. Alles andere ist heuchlerisch: Wenn nichts passiert, wird über die langweiligen Wetten gelästert, kaum geschieht ein Unfall, schreit man umgehend nach Massnahmen.

Es gibt viele Gründe, diese Sendung und die TV-Unterhaltung allgemein infrage zu stellen, dieser Unfall gehört aber bestimmt nicht dazu. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2010, 11:09 Uhr

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34 Kommentare

David Stoop

06.12.2010, 13:11 Uhr
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@Martin Rentsch: Schnell in Wikipedia gegoogelt und der Unterschied zwischen GAU und Super-GAU wird offenbar. GAU = eingeplante Unfallgrösse, welche noch abgefangen wird durch Sicherheitsvorkehrungen. Super-GAU = Unfall, der die Sicherheitsvorkehrungen übersteigt (also eben grösser, als angenommen ist). Erstaunlich, dass die Umgangssprache doch tatsächlich korrekt ist in der Begrifflichkeit. Antworten


Michael Sold

06.12.2010, 12:07 Uhr
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Danke für diesen Kommentar. Man kann nicht immer nach Schuldigen suchen, wenn man selbst ein Risiko eingeht. Selbstverständlich wünsche ich dem Verunfallten gute Besserung und hoffe, dass er wieder gesund wird. Aber wie bei allem,, das Risiko zum Leben bleibt. Für den einen ist es über die Strasse zu gehen für den anderen der Adrenalinkick der besonderen Art. Antworten




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