«Man müsste in Deutschland mehr Geduld mit dem Schweizerdeutsch haben»
Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 24.11.2010 13 Kommentare
«Tatort»-Regisseur Florian Froschmayer.
Jubiläum
Der «Tatort» feiert Jubiläum – und Schauspieler Ulrich Tukur sein Debüt als Ermittler. Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach dem Start der Reihe mit dem Film «Taxi nach Leipzig» gibt mit Tukur einer der renommiertesten deutschen Schauspieler seinen Einstand als Kommissar Felix Murot. Die Folge «Wie einst Lilly», in der er seinen ersten Fall in Hessen bekommt, strahlt die ARD am 28. November (20.15 Uhr) aus – die Geburtsstunde des «Tatorts» schlug am 29. November 1970.
Ab Sonntag, 2. Januar 2011, zeigt das Schweizer Fernsehen wieder «Tatort». Nach einem Unterbruch von neun Jahren steigt das Schweizer Fernsehen wieder ein und stellt auch einen eigenen Ermittler: Kommissar Reto Flückiger aus Luzern. Diese erste Schweizer «Tatort»-Folge sendet SF am 17. April 2011.
Als Einstimmung zeigt SF ab 27. November 2010 vier Mal samstagnachts insgesamt zwölf der populärsten, umstrittensten und spannendsten Fälle aus der Geschichte der bisher über 780 «Tatort»-Folgen.
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Herr Froschmayer, welches ist Ihr Lieblingstatort?
Das sind die Schimanski-Tatorte. Sie waren der Grund, weshalb ich selber «Tatort»-Folgen drehen wollte. Wobei der Reiz in der Figur des Horst Schimanski liegt – diese ist nicht nur gut angelegt, sondern hat auch Abgründe. Schimanski misslingt auch mal was, das Herz hat er aber immer auf dem rechten Fleck.
Was macht eine gute «Tatort»-Folge abgesehen vom Kommissar aus?
Der «Tatort» ist ja so ziemlich das letzte Format im deutschen Fernsehen, das aktuell sein darf. Es sollte daher eine Geschichte sein, die menschliche Abgründe zeigt, die eine gesellschaftliche Relevanz aufweist. Für den Drehbuchautoren eröffnet das ein breites Spektrum, seien es Geschichten über überforderte Eltern, illegale Einwanderer oder Waffenhändler.
Gibt es für den «Tatort» Tabu-Themen?
Im Zeitalter der Political Correctness hat man auch beim «Tatort» zunehmend Angst, sich kritisch zum Geschehen zu äussern. Einen «Tatort», der sich mit einem umstrittenen Bahnhofsbau auseinandersetzt, sollte man in nächster Zeit also nicht erwarten. Auch einen Fall über eine Bankdaten-CD aus der Schweiz, fände ich persönlich interessant. Doch dafür müsste man politisch Stellung beziehen. Das, argumentieren aber die Sender, sei nicht ihre Aufgabe.
Wie siehts mit der Islamdebatte aus – zu aktuell?
Das wäre schwierig. Manchmal kann man das Problem der Stellungnahme allerdings umschiffen, indem die verschiedenen Ansichten zum Beispiel zwei verschiedenen Kommissaren in den Mund gelegt werden. Diese moralische Zwiegespaltenheit ist es ja auch, was einen «Tatort» ausmacht.
Gibt es bei der ARD eine übergeordnete «Tatort»-Kontrollinstanz?
Nein, die ARD besteht aus verschiedenen Anstalten. Darunter gibt es mutige und wenigere mutige. Auch auf den zuständigen Redakteur kommt es an. Sowie auf den Leiter des Senders, der gerade bei der Abnahme meistens dabei ist.
Wie gross ist Ihr Einfluss als Regisseur auf die Geschichte?
Das Drehbuch kommt meistens in der zweiten Fassung zu mir. Das heisst, die Struktur ist gegeben, ich habe aber immer noch die Möglichkeit, die Richtung zu ändern. Bei der Gestaltung ist mein Einfluss gross. Die gestalterische Individualität wird von den Sendern gewünscht und unterstützt. Klar gibt es genaue Absprachen. Wenn im Drehbucht steht «Zwei Jugendliche verprügeln sich» wird genau abgesprochen, wie brutal das umgesetzt wird.
Warum ist eine so erfolgreiche und viel gelobte Serie wie der «Tatort» nicht international vermarktbar?
Das liegt wahrscheinlich an den vielen verschiedenen Kommissaren, als Format ist der «Tatort» so für Ausländer schwer wiedererkennbar. Die starke Regionalität ist – im Gegensatz zu vielen international erfolgreichen Krimiserien – ein Grundpfeiler der Serie
Apropos – das Schweizer Fernsehen produziert bald wieder eigene «Tatort»-Folgen. Wie sehen Sie da die Sprachproblematik?
Ich habe mich schrecklich geärgert, dass einer meiner «Tatorte» von den Deutschen vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche synchronisiert wurde. Genauso ärgerlich ist aber, wenn deutsche Schauspieler in einem Schweizer «Tatort» ins Schweizerdeutsche synchronisiert werden.
Wie wird man dieses Problem lösen?
Das weiss ich nicht, ich arbeite derzeit an einem deutschen «Tatort». Ich habe das Gefühl, dass auf beiden Seiten eine Angst besteht. Man müsste in Deutschland wohl mehr Geduld haben, den Zuschauer ans Schweizerdeutsche heranzuführen. Zuerst wäre ein «Tatort» mit Untertitel wohl befremdlich. Aber vielleicht würde man sich daran gewöhnen. Der Deutsche an sich hat ja ein Interesse am Schweizer. Zumal er spätestens seit den jüngsten Streitereien weiss, dass wir ein bisschen anders ticken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.11.2010, 16:03 Uhr
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13 Kommentare
Schimanski war bestimmt nicht schlecht. Mein persönlicher Favorit ist aber noch immer Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy), ein Kommisar "alter Schule". Er wurde übrigens zum drittbeliebtesten Tatort-Kommisar gewählt, obwohl sein letzter Auftritt Urzeiten her ist. Antworten
Wir waren begeisterte Tatort-Fans. Leider ist heute die Spannung weg. Immer das gleiche Schema. OPFER oder VERDÄCHTIGE = Ausländer,Asylant oder Illegale; TÄTER = Deutscher / Schweizer oder gleich ein rassistisch angehauchter Ordnungshüter! Früher las man hinter jedem Film den Satz " Ähnlichkeit mit lebenden Personen sind rein zufällig", Heute braucht es dies vermutlich nicht mehr ! Antworten
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