Marilyn Monroe fährt für uns an den ESC

Lauter Kompromisse wurden uns bei der ESC-Vorausscheidung präsentiert. Zum Glück gewann der unschweizerischste Beitrag.

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Den alten Eurovision-Song-Contest-Hasen unter uns Fernsehzuschauern fiel natürlich sofort auf, was das SRF gestern Abend im Sinn hatte. Da wurden uns insgesamt sechs Beiträge präsentiert, aus denen wir denjenigen auswählen sollten, der uns am Eurovision Song Contest in Stockholm den Sieg einbringen könnte (wir wären ja ehrlich gesagt schon zufrieden, wenn wir das Halbfinale überstünden, aber dazu mehr am 12. Mai, wenn es bei der Schweiz um den Finaleinzug geht).

Und bei allen sechs Beiträgen war uns alten ESC-Hasen sofort klar, weshalb man sie uns präsentierte: Alle wiesen nämlich jeweils ein bestimmtes Merkmal auf, das in irgendeiner Form schon einmal zum Erfolg geführt hatte. Bloss, welches wird es dieses Jahr in Stockholm sein? Das Schweizer ESC-Verantwortlichen kennen das Erfolgsrezept ganz offensichtlich nicht. Schliesslich haben wir es ja noch nie zum Sieg geschafft, ausser einmal mit Lys Assia (der allerersten Gewinnerin, und das ist schon sehr, sehr lange her) und einmal mit Céline Dion. Und so wurde dieses Mal wieder uns der Schwarze Peter zugeschoben.

Erfolgsrezepte mit Schwächen

Durchwegs überzeugend war jedoch keiner der Beiträge, alle wirkten wie Kompromisse. Die stimmgewaltige Bella C. konnte zwar fast genauso gut singen wie Céline Dion, und sie hatte ein fast schönes Abendkleid und eine fast so grosse James-Bond-Ballade wie Conchita Wurst. Für das entscheidende Etwas fehlte ihr jedoch der Bart. Die Jungs von Kaceo trafen die Töne nicht halb so gut wie Bella C., dafür lieferten sie eine spassige Show ab; sie hatten aber bloss ein goldenes Einhorn auf der Bühne und keinen Guildo Horn.

Die wasserstoffblonde Rykka aus Kanada erinnerte mit ihrer unkonventionellen Mischung aus Marilyn Monroe und Madonna ein bisschen an die ehemalige ESC-Gewinnerin Loreen, sang jedoch teilweise etwas unsicher, und der Amerikaner Stanley Miller setzte auf Herzschmerz mit Chor, was schon so oft funktioniert hatte am ESC, allerdings wurde sein verstaubter Popsong von fiesen Beats übertönt. Dazu gab es noch zwei Teenieschwärme mit unglaublich vielen Fans oberhalb der Dezibelnorm: der blonde Vincent aus Basel und der brünette Theo aus Lugano.

Singen im Auto und anonyme Jury

Stimmgewalt, Show, Skurilität, Herzschmerz oder Teenieschwarm-Joker: Am Ende lag es an uns, 80 Rappen für das entscheidende ESC-Siegeskriterium zu investieren per Telefon, SMS oder wie immer gratis per WAP. Dafür gewährte uns das SRF sehr viel Zeit, denn die Teilnehmer durften noch ein zweites Mal auftreten mit einem Coversong ihrer Wahl. Warum sie davor alle singend in einem Auto herumfahren mussten, erschloss sich uns nicht. Vermutlich, weil der ursprüngliche Vorschlag «Singen unter der Dusche» beim Publikumsrat durchgefallen war.

Man durfte übrigens auch abstimmen, wenn man sich gar nicht für den ESC interessierte, sondern einfach nur die 10'000 Franken aus dem Wettbewerb abräumen wollte. Das erklärte freundlicherweise der Moderator Sven Epiney. Dafür verzichtete er darauf, die anwesende Jury vorzustellen. Vermutlich, weil man sowieso niemanden von ihnen erkannt hätte, was nicht zwingend ein schlechtes Zeichen für deren Fachkompetenz sein muss. Eher im Gegenteil. Deswegen durfte die Jury ebenfalls zur Hälfte mitbestimmen, wer denn nun für die Schweiz nach Stockholm reisen darf.

Kreischalarm im Publikum

Ohne den 50-Prozent-Jury-Anteil hätte wohl der 19-jährige Vincent aus Basel gewonnen. Was da für ihn gekreischt wurde im Studiopublikum! Von diesen Girls durfte sich der Justin Bieber aus Basel bei der Abstimmung ja auch einiges erhoffen, immerhin kann wohl niemand sonst in 50 Minuten so viele SMS schreiben, wie verknallte Teenager. Vincent lächelte und sang und lächelte noch mehr, seine Stimme war der Jury aber wohl etwas zu dünn, vor allem in den tiefen Lagen. Genau wie bei Theo aus Lugano. Wir alten ESC-Hasen wussten jedoch von Anfang an, dass beide in Stockholm sowieso nicht die geringste Chance gehabt hätten, denn die Durchschnittszuschauerin am Eurovision Song Contest ist dem Pensionsalter näher als der Pubertät.

So drückten wir lieber der viel versprechendsten Kompromisslösung die Daumen: der wasserstoffblonden Rykka. Aber würde sie dem Publikum genug schweizerisch sein? Immerhin konnte sie nur zwei Sätze auf Deutsch aufsagen, und ihr Schweizbezug beschränkt sich auf ihren Grossvater. Dafür ist sie Kanadierin, genau wie Céline Dion, die für uns so glorreich den letzten Schweizer ESC-Titel geholt hat.

Und tatsächlich: Kurz nach 22 Uhr kürte Sven Epiney Rykka zur Siegerin, die ihren Song «The Last of Our Kind» am 12. Mai in Stockholm präsentieren darf. Hoffentlich vergisst sie nicht ihr weisses Marylin-Monroe-Röcklein, die Lockenwickler und das Wasserstoffperoxid für die Haare einzupacken. Denn wir alten ESC-Hasen wissen: Um am ESC zu gewinnen, muss man mehr zu bieten haben als eine Stimme. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.02.2016, 08:00 Uhr)

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