Markus Lanz beschwört Shitstorm herauf

Der raue Umgang des Moderators mit der linken Politikerin Sahra Wagenknecht sorgt für Empörung. Über 170'000 Lanz-Gegner haben eine Petition unterzeichnet, die seine Absetzung fordert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwer vorstellbar, dass Markus Lanz am Samstag in «Wetten, dass..?» seinen Gästen – der Sängerin Yvonne Catterfeld, dem Komiker Atze Schröder und dem «Bergdoktor» Hans Sigl mit unbequemen Fragen auf den Leib rücken wird. Sein Pensum an kritischem Journalismus hat er in der nach ihm benannten Talkshow am 16. Januar bereits übererfüllt, als er Sahra Wagenknecht nach charmanter Anmoderation («die schönste Linke aller Zeiten») einmal so richtig zeigte, dass er nicht nur nette Seiten hat. Er deckte die Linken-Politikerin mit dümmlichen Unterstellungen und inquisitorischen Fragen ein und fuhr ihr bei jedem Antwortversuch lächelnd über den Mund.

Vom hübschen Lärvchen einer Alt-Stalinistin, so die Botschaft, lässt sich ein Entlarvungsprofi nicht den Schneid abkaufen. Selbst Zuschauer, die sonst wenig Sympathie für Linke haben, empörten sich über das hochnotpeinliche Verhör: Die Onlinepetition «Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr» erhielt in wenigen Tagen über 170'000 Unterschriften.

Markus Lanz, die Allzweckwaffe des ZDF, hat es derzeit nicht leicht. Die Quoten von «Wetten, dass..?» rauschen in den Keller; selbst Hollywood lacht angeblich schon über die Schokoladenduschen, Sackhüpfspiele und Schleimereien des Gottschalk-Nachfolgers. Lanz-Bashing ist in: Auf dem Twitter-Hashtag #Lanz wird nach Herzenslust gepöbelt, der Facebook-Daumen senkt sich bedrohlich über dem Gladiator in der Arena. Web-Sites wie Hat-markus-lanz-etwas-aufgedeckt.de und Medienkritiker wie Stefan Niggemeier bezweifeln die journalistische Kompetenz des 44-jährigen Südtirolers.

«Gedanklich einfach mal die Spültaste drücken»

«Jetzt aufzuhören, wäre uncool», sagt Lanz. «Schon um ein paar Leute aus der Meute zu ärgern, muss ich weitermachen.» Seine Rechnung könnte sogar aufgehen. Nachdem die Grosse Koalition aus beleidigten Gebührenzahlern, Gottschalk-Nostalgikern und Talkshow-Hassern Dampf abgelassen hat, dreht sich der Wind langsam wieder. Immer mehr Kommentatoren warnen vor dem «fröhlichen Vernichtungswillen» und Gratismut eines «erregungslustigen Pöbels» («Spiegel online»), vor virtueller Lynchjustiz und «digitaler Steinigungskultur; selbst die «Tageszeitung» brach eine Lanze für Lanz.

Die Medien haben offenbar ihre Lektion aus der Wulff-Affäre gelernt: Nicht noch einmal soll eine Meute ohne Mass und demokratische Legitimation eine öffentliche Figur zur Strecke bringen, die vielleicht nicht gerade souverän, geschickt oder gar höflich agiert, aber auch keine unschuldigen Kinder missbraucht. Wagenknecht kennt die Regeln des Spiels und äussert sich über ihren Folterknecht auch eher zurückhaltend: «Keine Sternstunde der Streitkultur.»

Vielleicht sollte man einfach mal abschalten

«Wenn der Shitstorm kommt», sagte Lanz einmal, «müssen Sie in der Lage sein, gedanklich einfach mal die Spültaste zu drücken.» Jetzt steht er knietief im Shitsturm und kann sich mit jedem Wort nur noch tiefer hineinreiten. Sein Schweigen könnte da die Rettung sein. Der Wirbel um das Gabriel-Interview der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka kürzlich zeigte, wie gereizt das Klima in der Mediendemokratie inzwischen ist.

Wenn es nach dem Internet-Pöbel geht, sind auch Veronica Ferres, der laue Winter oder Uli Hoeness’ Bayern ihre Gebühren nicht wert – und davon wird das Fernsehprogramm und die Welt auch nicht besser. Vielleicht sollte man einfach mal abschalten, statt sich online zu erregen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.01.2014, 20:36 Uhr)

Video

Empörung: Mit diesem Video wollen die Lanz-Gegner den Moderator ungebührlichen Verhaltens überführen.

Artikel zum Thema

Femen-Aktivistinnen stürmen Lanz-Show

«Boykott, Fifa, Mafia», «Blut & Spiele»: Zwei Femen-Aktivistinnen protestierten in der ZDF-Sendung von Markus Lanz gegen die Fussball-WM in Katar. Mehr...

Tom Hanks lästert über «Wetten, dass...?»

Übersetzungsprobleme, Sackhüpfen und drei Stunden Dauer: Der Hollywoodstar empfand die Fernsehshow als Qual. Nun erteilt er Markus Lanz und seinen Produzenten die Quittung dafür. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Werbung

Silas Ecksofa

Maximaler Wohlfühl-Komfort inklusive Kissen, Bettfunktion und Regalböden. Im OTTO’S Webshop!

Die Welt in Bildern

Geht in sich: Ein Sadhu, ein heiliger Mann des Hinduismus, betet vor der jährlichen Reise zur Pilgerstätte Amarnath im nordindischen Jammu. (30. Juni 2016)
(Bild: Mukesh Gupta) Mehr...