«Alle machen Fehler» – auch die Regie

Altbackene Jungermittler als Trio infantile und viele Krimiklischees: Muffig war die Welt im Erfurter «Tatort».

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50 Minuten totale Krimisonnenfinsternis. Dabei bescheint die liebe Sonne schon die erste Szene auf dem Erfurter Hauptfriedhof: Glockenläuten und eine Beerdigung wie, ja, wie eben in grottenschlechten Krimis. Eine schöne Rotblonde (Franziska Petri) trägt eine Monstersonnenbrille à la Paris Hilton, bis ein Bösewicht auf Hafturlaub an der Beerdigung auftaucht. Die Regie des 59-jährigen «Tatort»-Routiniers Johannes Grieser weiss: Jetzt sind heisse und verheissungsvolle Blickwechsel gefragt.

Und die werden dann genauso schmierenkomödiantisch abgeleistet wie die anderen Pflichtpunkte aus dem konventionellen Krimiprogramm von «Der Maulwurf»: Da gibt es etwa frühzeitig den bedeutungsschwangeren Zoom auf die graue Eminenz des Falls. Auch gehts nicht ohne das optische Milieu-Klischee, inklusive halbnackter Damen am Pole; und der langbeinige Windhund auf dem Bett der langbeinigen Barmanagerin signalisiert «verruchten Luxus».

Nee, ne?

Natürlich kommt es zu knallharten Verhören mit knallharten Jungs. «Der hat vor irgendwem Angst», analysiert Kommissar Funck messerscharf das bockige Schweigen eines Mithäftlings jenes Zuhälters, der auf seiner Flucht mehrere Polizisten erschossen hat. Und müssen junge Polizistinnen auf ihrem Gang durch eine Justizvollzugsanstalt grundsätzlich mit Klopapier und schlüpfrigen Sprüchen eingedeckt werden? Ist das ein unumstössliches Sonntagskrimigesetz?

Überhaupt, die Dialoge! «Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen?», jammert Kriminaldirektorin Fritzenberger am Ende. Antwort: «Wir alle machen Fehler. Wichtig ist, daraus zu lernen.» Nee, ne? Dieses Gesülze also ist die Bilanz nach der fünften Leiche in dem Krimi, der erst nach der Hälfte langsam – langsam – an Fahrt gewinnt, zumindest spannungstechnisch. Denn allmählich verschiebt sich die Suche vom völlig überraschungsfreien Milieu nach innen, aufs Kommissariat, wo der wahre Übeltäter steckt. Der Maulwurf.

Kommissare wie aus einer Oberstufensoap

Im Büro mühen sich nicht nur dieses furchtbar junge «Tatort»-Team (es ist das jüngste), das entsetzlich altbacken daherkommt, sondern immerhin auch ein paar schlaue Füchse mit Falten – wie besagte Kommissariatsdirektorin (Kirsten Block) und ein erfahrener Kriminaldirektor (Christian Redl). Richtig toll ist freilich bloss der von draussen: der entehrte Ex-Polizist Konzack (bravo, Oliver Stokowski!). Das Jungvolk aber ist ein Kommissars-Kleeblatt wie aus einer Oberstufensoap, nur noch langweiliger: Oberstreber Funck (Friedrich Mücke), Beach-Boy-Bubi Schaffert (Benjamin Kramme) und Ex-Jurastudentin Grewel (etwas weniger enttäuschend als bei ihrem «Tatort»-Einstand: Alina Levshin).

So sieht die angepasste und angsterfüllte Anti-Occupy-Generation aus – auch wenn das Trio Infantile schliesslich einen kleinen Rettungscoup wagt und Autoritäten infrage stellt. Denn selbst dieses Revolutiönchen kommt arg konfektioniert daher. Und die hübschen Parallelgeschichten zum Thema Väter-und-Söhne, die im Drehbuch von Leo P. Ard und Michael Müller angelegt sind, verpuffen im Mief einer Mottenkistenregie. Muffig ist die Welt des Maulwurfs.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.12.2014, 08:08 Uhr)

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