Mein Service public

Was ist der Service public, den das Schweizer Fernsehen leisten soll für «meine Gebühren»? Wahrscheinlich einfach die Summe erfüllter Eigeninteressen.

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Kürzlich sah ich auf SRF 1 wieder den Wetterbericht, Sie wissen schon, Isobaren rechts, Golfstrom links, Thomas ­Bucheli in der Mitte. Und da fiel mir jener heisse Abend in einem überaus heissen Sommer ein, an dem Charles Clerc, glaube ich, in der «Tagesschau» Folgendes sagte: «Und nun das Wetter. Morgen wird es schön, einfach schön.» Vollendete Information in fünf Sekunden. Kein meteorologischer Event. Kein Hausdach. Und ich dachte: Das war Service public, alles andere ist Übermut. Aber das war nicht recht.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie drücken alles so deutlich aus, wie der Dichter sagt. Zum Beispiel wissen jetzt alle ganz genau, wo der sogenannte Service public des Schweizer Fernsehens beginnt und wo er endet, und nur ich weiss das nicht, weil es ist doch so: Er beginnt für die einen, wo er für mich endet, und endet für andere, wo er für mich erst beginnt; und zwischen Anfängen und Enden erahne ich ihn als Toleranzanspruch, nicht als Reinheitsgebot. Als luxuriöse Offerte, nicht als Dogma des Notwendigen. Ich schätze es nicht, wenn junge Nationalrätinnen mir altem Zuschauer, der wahrscheinlich mehr vergessen hat, als sie je sehen werden, einsagen wollen, was nötig und was unnötig ist, und sich in Angelegenheiten des Fernsehens überhaupt benehmen wie Robespierre vor dem Nationalkonvent, als er sagte, die Tugend müsse durch den ordnungspolitischen Schrecken herrschen, damit die Morgenröte der Glückseligkeit scheine. Das leistet mir, so weit ich auch Öffentlichkeit bin, keinen Dienst.

Des einen Spreu ist nämlich des anderen Weizen, und überdies behaupte ich, dass der Mensch nicht vom Weizen allein lebt, es gibt auch so etwas wie das legitime Bedürfnis nach medialen Hybriden, nach der Unreinheit des Unnützen sozusagen oder nach einer dem reinen Blödsinn abgewonnenen individuellen Relevanz. Und item, auch aus der Summe dieser Relevanzen besteht das Vollprogramm eines Schweizer Fernsehens, das mir Freude und Ärger und Freude am Ärger macht. Nicht nur aus den Selbstverständlichkeiten, die man jetzt die «Grundversorgung» nennt, welches Wort mich an militärische Notrationen aus Büchsenfleischkäse und Biskuit erinnert, also an ein kaum ausreichend sättigendes Hungertuch.

«Tu bi or not tu bi»

Ich zum Beispiel schaue gern «Glanz & Gloria», eine Sendung, bei der die Versorgungstheoretiker in der Service-public-Debatte besonders pingelig werden. Ein kulturelles Grundnahrungs­mittel möchte man sie tatsächlich nicht nennen, man könnte lang gelebt haben und spät in die Grube fahren ohne sie und hätte sie nicht wirklich vermisst; aber das ist gerade das Schöne an ihr im öffentlich-rechtlichen Umfeld. Ihre Hohlheit berührt mich sympathisch da, wo es gar nie beabsichtigt war, allein schon durch diesen Titel, der alles enthält, was nicht geliefert wird. Er war gewiss einmal optimistisch und fröhlich gemeint, aber ich glaube schon lang, es steckte darin immer ein höherer melancholischer Hintersinn.

Ein Hinweis darauf, dass in der Schweiz die Nachrichten aus dem Gesellschaftsleben weniger vom heimischen Prominentenbetrieb handeln als von der Sehnsucht, einen zu haben. Das ist mein relevantes Vergnügen, wenn diese Sendung sich windet im Widerspruch zwischen Wunsch und Provinz: dass sich an dem im Medium getriebenen Umgang mit Prominenz ein Nationalcharakter ablesen lässt; und ist das nicht auch Service public? Gar nicht gross zu reden von den Boni, die dabei abfallen, diesen herrlichen Dramoletten der Selbstüberschätzung, wenn etwa die Frau Dillier mit Shakespeare kollidiert und anhebt, «englisch auswendig» den Hamlet-Monolog zu rezitieren, weil Geld ja nicht blöd macht, «tu bi or not tu bi, sis is se questschn», und dann macht sie schon beim siebten Wort einen Fehler. Ich liebe diese objektiv ironischen Tupfer auf einer seriösen Programm­palette. Es ist erquickend. Es ist lehrreich. Und daraus zieht ferner auch Viktor Giacobbo Umwegrentabilität und feinsten Nutzen in seiner Sendung «Giacobbo/Müller», die ja zweifellos Service public ist.

Es ist nicht wahr, dass wir unnütz überversorgt werden für zu teures Geld. Unter uns Fernsehtrotteln gesagt: Ich fühle mich sogar dramatisch unterversorgt, insbesondere in meinem Hang zu kostümierten Vergangenheiten. Da bin ich ein Bruder im Geist des Herrn Anegg, der einmal, als es die Sendung «Ventil» noch gab, den Moderator Frank Baumann anrief und mehr «Römerfilme» im Schweizer Fernsehen forderte. Wobei der Römerfilm vielleicht nur ein Teilbegriff für ein grosses historisches Ganzes war. Das will ich auch (wieso sollte ich in dieser Service-public-Diskussion nicht auch etwas wollen dürfen?) und will es von einem Schweizer Fernsehen, das nicht immer nach trocken Brot gehen muss, und will es nicht billiger (für den History Channel, der unter «History» seit längerem leider den Handel mit Zündnadelgewehren in Pfandhäusern versteht, bezahle ich extra). Sondern so, dass es aussieht, als habe das Nachdenken über Geschichte etwas kosten dürfen. Als sei es dem Schweizer Fernsehen etwas wert, weil es mir etwas wert ist.

Professionell gefüllte Nischen

Das trimediale Projekt «Die Schweizer» war ein akzeptabler Anfang, obwohl das nationale Historienbild etwas bärtig war. «Die Fabrikanten» auch und, lange her, «Die Pfahlbauer von Pfyn», denen man ihre Schilfdächer dann doch mit Plastik abdecken musste. Im Gegenzug ist mir wieder das etwas wert, was anderen etwas wert ist und mir eigentlich nichts, die Formel 1 beispielsweise oder ein samstäglicher Differenzler zur Prime­time. Denn ich gönne jedem seine ­Nische und darin die professionellste Bedienung und, ja, eine Identifikationsmöglichkeit im Spiegel der Schweiz und der Welt. Und dem Schweizer Fernsehen, das ein professionelles ist, gönne ich als nationaler Kulturinstitution das beruhigende Bewusstsein, dass nicht immer zu befehlen hat, wer zahlt.

Es gelten natürlich die ethischen Apriori: die sachgerechte Information, die zivilisierte Debatte, der gute Geschmack, über den man streiten kann, womöglich sogar ein ausgebildetes Schamgefühl der Kreativität (denn die Mädchenquälerin Klum ist ja auch kreativ auf ihre stahlzähnige Art). Die Grenzsteine des Anstands halt, hinter dem aber nicht dauernd die Abwarte und Abwartinnen mit dem Besen und einer thematischen Hausordnung her sein müssen.

Bel Etage und Boulevard

Ach, das Fernsehen. Seine Kunst, wenn es sich selbst ernst nimmt als Kunstwelt, ist doch der Spagat zwischen der kulturellen Bel Etage und dem Boulevard («Boulevard», das war einmal ein respektabler Begriff, pressegeschichtlich gesehen und nebenbei gesagt; er hatte mit Diskurs mindestens so viel zu tun wie mit Skandal). Der erwähnte Frank Baumann hat das in einer «Ventil»-Folge seinerzeit zum Stillleben gestaltet. Es sass dort die leibhaftige Uriella in ihrem Tüll vor einem Pornofilm und küsste ihr Kreuz, während der bekannteste Schweizer Pornostar, die Laetitia Zappa, dem Baumann Zuschauerfaxe reichte in hochgeschlossenem Schwarz, eine ­Verkörperung des ordnenden Ernstes im Dienst der demokratischen Inter­aktivität.

Ich bezeuge aus erster Hand die, gelinde gesagt, bedenklich gerunzelte Stirn des damaligen Fernseh-Chefredaktors, der das nicht für notwendig hielt. Jedoch ich halte diese Szene bis heute für einen kostbaren Moment und ein gültiges Medienkunstwerk: Es erschienen das Wesen, die zweideutige Natur, der Verdienst und die Laster des Fernsehens in der Nussschale, und wenn das nicht ein frühes Freiheitsbild des aufgeklärten Service public ist, weiss ich nicht. Denn es ist doch Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit. Unmündigkeit aber ist das Unvermögen, sich seiner Fernbedienung ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2015, 22:23 Uhr

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