«Mir wäre nie in den Sinn gekommen, mein TV und Radio zusammenzulegen»
Von Roger Schawinski. Aktualisiert am 24.06.2010 8 Kommentare
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Zur Person
Roger Schawinski gründete Radio 24, TeleZüri, Radio 1. 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer des privaten deutschen Fernsehsenders Sat 1.
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Vielleicht habe ich damals etwas ganz Wichtiges übersehen. Denn auch als äusserst kostenbewusster Medienunternehmer wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mein Lokalradio und mein Lokalfernsehen zusammenzulegen – also genau dies, was die SRG mit ihren vielen Kanälen unter dem Stichwort «Konvergenz» jetzt im grossen Stil vorhat.
Für mich sind die Unterschiede schlicht zu gross: Radio ist vor allem ein schnelles, schnittiges Morgenmedium, Fernsehen ein aufwendiges Abendmedium. Zudem sind die Produktionsprozesse grundsätzlich anders, und auch die Taktung ist völlig verschieden. Weil TV mit der griffbereiten Fernbedienung konsumiert wird, muss alles viel rasanter wirken, damit der permanente Umschaltreflex gezähmt werden kann. Beim Radio darf man sich auch einmal viel Zeit lassen, um mehr Vertiefung anzubieten. Ein bebildertes «Echo der Zeit» wäre undenkbar, ebenso wenig ein gemächlich fliessendes «Mittagsgespräch». Und was für den Bereich Information gilt, betrifft alle anderen Bereiche, vom Sport über Kultur und Unterhaltung bis hin zu den fiktionalen Programmen.
Nun aber soll die SRG mit der Wunderdroge Konvergenz auf Effizienz getrimmt werden. Dies ist die Abschiedspille, die der langjährige Generaldirektor Armin Walpen seiner Institution verordnet hat. Mit dem Versprechen, dass die unter seiner Führung abgelieferten chronischen Defizite auf diese Weise abgefedert werden, ist diese Strategie von den zuständigen Gremien abgesegnet worden.
Berüchtigte Mehrfachauftritte
Zuerst das Positive: Es ist sicher von Vorteil, dass im Rahmen dieses Vorhabens die seit Jahrzehnten verkrusteten Strukturen auf den Prüfstand der Vernunft gestellt werden. Dies führt in der gesamten Institution zu einem kollektiven Adrenalinstoss, der neue Kräfte freilegen kann. Bei diesen grundsätzlichen Diskussionen stösst man unweigerlich auf Missstände, die man bisher grosszügig übersehen durfte. Legendär sind etwa die Pressekonferenzen, bei denen eine Vielzahl von SRG-Teams einander auf den Füssen herumstand.
Auch Korrespondenten oder Reporter könnten oft kostengünstig gleichzeitig für Radio- und TV-Sendungen eingesetzt werden. Und dass im Internet ein gemeinsamer Auftritt sowohl effizient als auch sinnvoll ist, versteht sich von selbst. Diese und viele ähnliche Verbesserungen in den administrativen Bereichen hätte die vorwiegend mit Konzessionsgeldern alimentierte SRG schon lange vornehmen müssen. Die meisten solcher Einsparmöglichkeiten hat man jedoch bisher verschmäht.
Aber die geplante Konvergenz geht weiter, viel weiter. Es gibt nun nicht nur einen Superdirektor, der neben drei eigenen TV-Programmen und sechs Radiokanälen auch die gesamte Konkurrenz im Auge behalten muss – eine wahrhaft gigantomanische Aufgabe. Ähnliches gilt etwa für die künftigen Leiter aller SRG-Sportsendungen oder aller Kulturprogramme. Zwar wird so die Zahl der Leitungspersonen kostendämpfend von 18 auf 8 reduziert, wie stolz erklärt wird. Doch in der Praxis wird wohl jeder dieser Ressortchefs je einen «Stellvertreter» für Radio und einen für TV ernennen müssen, um die Aufgabe auf professionelle Weise bewältigen zu können. Und dann wären unter dem Strich plötzlich mehr und nicht weniger Stellen zu besetzen.
Ein Generaldirektor zu viel
Und dann ist da noch das Allerwichtigste: Die Kulturen von Radio DRS und SF unterscheiden sich grundsätzlich. Vor allem die Radioleute haben ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den medienträchtigeren, oft als oberflächlich taxierten TV-Mitarbeitern. Ob diese historisch völlig unterschiedlich gewachsenen Strukturen ohne allzu grosse Reibungsverluste zusammengeschweisst werden können, ist die zentrale Frage, die niemand zu beantworten weiss. Sie allein wird entscheiden, ob das Projekt Konvergenz nicht mehr Probleme schaffen wird, als es löst.
Zurzeit hat die SRG zwei Generaldirektoren, einen amtierenden und einen gewählten. Das ist definitiv einer zu viel. Sie hat auch einen TV-Direktor und einen Radiodirektor sowie einen gewählten Superdirektor, der die beiden Ersteren ersetzen wird. Diese unmögliche Konstellation soll noch ein langes halbes Jahr so bleiben. Und genau in dieser Zeit dürfte das Projekt Konvergenz in die Umsetzung gehen. Gemäss jeder Managementtheorie ist eine solche Struktur verheerend. Deshalb sollte die Verantwortung ab sofort auf die künftigen Amtsträger übergehen, denn sie sind es, die alle Konsequenzen dieses Projekts zu tragen haben. Das bedeutet auch, dass sie zu jedem Schritt ihre Zustimmung geben sollten, nachdem sie sich – wie im Fall des künftigen Generaldirektors Roger de Weck – vorher eingehend in die höchst komplexe Problematik eingearbeitet haben. Erst dann gilt es, irreversible Fakten zu schaffen.
Womöglich habe ich mich wirklich geirrt, und Radio und Fernsehen können getrost aus einer Küche kommen. Ich bezweifle es weiterhin. Aber man lernt ja immer gerne hinzu. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.06.2010, 07:58 Uhr
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8 Kommentare
..........genau wie von Roger beschrieben - kommt dazu, dass eine solche übung mit einem regionaldirektor für radio und fernsehen, also eine zusammenlegung bis zu einem gewissen grad schon in der vergangenheit versucht und in allen belangen gescheitert ist.... Antworten
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