Old Shatterhand hat jetzt gar Sex

RTL poliert die alten Karl-May-Schinken aus den 1960er-Jahren als TV-Dreiteiler neu auf.

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Karl May war bekanntlich nie in Amerika, aber am Weihnachtsabend kam er auf RTL auf Ellis Island an. Ein deutscher Einwanderer unter vielen, präsentiert vom Privatsender in einer «Winnetou»-Neuverfilmung. Der Sachse reiste denn auch folgerichtig weiter Richtung Apachenland, wo er als Landvermesser für die Eisenbahngesellschaft arbeitete und von einem Indianerjungen den Namen verpasst bekam, unter dem er berühmt wurde: Old Shatterhand.

«Winnetou – der Mythos lebt» heisst der erste Teil des Dreiteilers, mit dem RTL über die Festtage sein Publikum gefangen nehmen will. Der Mythos sind dabei natürlich nicht nur die Bücher des stets zu Hause gebliebenen Reiseschriftstellers Karl May (1842–1912). Sondern ganz besonders auch die Verfilmungen aus den 1960er-Jahren: Pierre Brice als Winnetou, Lex Barker als Old Shatterhand, Kroatien als Westernland. Und dazu eine unsterbliche Melodie, wenn die Freunde in den Sonnenuntergang reiten.

Gedreht wurde erneut in Kroatien

Vieles davon ist wieder da. Gedreht wurde im ewigen Indianerland Kroatien mit den kargen Felsen und blauen Gewässern. Die Musik von Martin Böttcher gibt es auch, modern arrangiert selbstverständlich. Und die Geschichte, ja die wurde ebenfalls neu arrangiert: Die Welt, die Old Shatterhand betritt, ist dreckiger und rauer als in den goldenen Kinojahren. Wenn die bösen Männer von der Eisenbahngesellschaft die Indianer zwecks Gleisbau vertreiben wollen, sagt Old Shatterhand jetzt bereits im Jahre 1860: «Das wäre Völkermord.» Worauf er vom Boss zu hören bekommt: «Mister May, was ist das für ein grässlicher Begriff!»

Aber natürlich interessieren solche Töne bei der TV-Premiere nur in zweiter Linie. Darum hier das Wichtigste: Der neue Winnetou heisst Nik Xhelilaj, ist bei uns noch weitgehend unbekannt, aber in seiner Heimat Albanien ein grosser TV-Star. Er agiert gerne mit nacktem Oberkörper, wodurch sein makelloser Body bestens zur Geltung kommt. Und er spricht, wenn er sich mit den Seinen unterhält, immer Indianersprache, die wir aber dank Untertitelung bestens verstehen.

Heiratsantrag an «Fräulein Nscho-tschi»

Winnetou bleibt jedoch eher im Hintergrund, die eigentliche Hauptfigur ist dieser Karl May, der zum Old Shatterhand wird. Wotan Wilke Möhring spielt ihn, bekannt als «Tatort»-Kommissar aus Hamburg. Im Westernland gibt er sich vorerst zurückhaltend. «Ich muss Sie darauf hinweisen, dass ich in einem Verein geboxt habe», sagt er einem Widersacher, bevor er ihn im Faustkampf niederstreckt. Und die Schwester von Winnetou spricht er mit «Fräulein Nscho-tschi» an.

Die Indianerin war in den alten Verfilmungen nicht viel mehr als Dekoration. Und wurde – so steht es auch in der Romanvorlage – bereits in «Winnetou I» vom Bösewicht Santer niedergerafft. Das war eine tränenreiche Stelle, fast so tragisch wie der Tod des Indianerhäuptlings selber. Dies erspart uns die Neuverfilmung, die Frau ist jetzt eine mächtige Heilerin bei den Apachen. Old Shatterhand verliebt sich in sie, die beiden bauen sich – deutsch bleibt deutsch – ein kleines Häuschen. Und ja, der moderne Old Shatterhand hat sogar Sex mit ihr.


Am 27. Dezember läuft auf RTL der zweite Teil, am 29. Dezember folgt der dritte.

Es kommt eben alles zusammen in diesem Dreiteiler, den sich RTL 15 Millionen Euro hat kosten lassen: die alten Lederanzüge und all die kultigen Trash-Utensilien von damals. Kombiniert mit Dialogen, welche die moderne Zerrissenheit antönen, die auch vom Wilden Westen nicht haltmacht: «Mein Herz will, aber mein Kopf sagt, ich werde nie ein Apache sein, nie», muss Old Shatterhand feststellen. Worauf Winnetou, der gute Blutsbruder, ihm einen Friedensvertrag vorschlägt und zwar einen – wie er auf Indianerdeutsch sagt – «zwischen dein Herz und dein Kopf».

«Winnetou» in der Neuverfilmung sieht aus, als ob ein Friedensvertrag mit allen und jedem gemacht worden wäre, die je durch den Weste(r)n ritten. Ein bisschen nostalgisch (wie einst tritt Sam Hawkens auf und sagt «Wenn ich mich nicht irre»). Ein bisschen kritisch (der Eisenbahnboss denkt an nichts anderes als an den Börsenkurs seiner Gesellschaft). Dekoriert mit bekannten Schauspielern von damals (Mario Adorf ist erneut als Bösewicht Santer zu sehen) und heute (Jürgen Vogel macht Old Shatterhand im ersten Teil das Leben schwer).

Winnetou reitet im Sommer auch in Engelberg

Regie führte Philipp Stölzl, der zuerst Opern und Videoclips inszenierte, bevor er 2008 mit dem Eigerfilm «Nordwand» den Spielfilm-Durchbruch schaffte. Seine «Winnetou»-Mischung aus Kitsch, Kritik und Nostalgie scheint anzukommen – den ersten Teil an Weihnachten sahen sich in Deutschland fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer an. Die edle Rothaut wurde publikumsmässig nur von Helene Fischer und ihrer Show geschlagen, und das auch nur ganz knapp.

Jetzt geht es weiter mit «Das Geheimnis vom Silbersee» (27. Dezember) und «Der letzte Kampf» (29. Dezember, beide 20.15 Uhr auf RTL). Und wer dann noch nicht genug hat vom Wilden Westen, kann im Sommer nach Engelberg fahren. Dort reiten Winnetou und Old Shatterhand ab dem 15. Juli in Freilichtspielen durch eine Naturbühne – wie die Organisatoren drohen: «Eng nach der Vorlage von Karl May». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2016, 13:44 Uhr

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