«Popstars»: Todesnachricht als Quotenrenner

In der heute Abend ausgestrahlten Episode von «Popstars» auf Pro Sieben erfährt die 16-jährige Kandidatin Victoria vom Tod ihrer Mutter - während der Sendung.

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Die fragliche Szene: Die Mädchen befinden sich in einem Workshop in Ägypten unter der Aufsicht des unsäglichen Gross-Grinsers Detlef D! Soost. Dieser kommt mit tränenfeuchten Augen zu den Kandidatinnen und teilt Victoria mit ernster Stimme mit, dass sie ein Anruf erwarte. Während das Mädchen zum Telefon eilt, informiert Soost ihre Mitkandiatinnen über den Todesfall. Die Tränen fliessen.

Wir dachten, wir hätten im Fernsehen jede erdenkliche Niederung des Geschmacks schon erkundet. Sex vor laufender Kamera, Exkremente und Gefühlsausbrüche aller Art. Doch dieser Vorfall hat eine andere Qualität. Es ist zutiefst missbräuchlich und entwürdigend, wenn der Tod eines Elternteils für billige Fernsehunterhaltung instrumentalisiert wird.

Auch das Argument, das sei der Preis für den Exhibitionismus und die Geltungssucht von Casting-Show-Kandidaten zieht nicht. Natürlich hat niemand die Frau gezwungen, bei einer solchen Castingshow teilzunehmen, aber in einer Sendung wie Popstars geht es ums Singen - vielleicht noch darum, wie man versucht, eine Karriere anzuwerfen. Doch auch der grösste Narzisst hat es nicht verdient, derart blossgestellt zu werden - auf einer so existenziellen Ebene.

Mit Moral gegen Fernsehformate zu argumentieren, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Doch hier geht es nicht nur um ein Fernsehformat, sondern um die konkrete Entscheidung einer Redaktion gegen die Persönlichkeitsrechte eines 16-jährigen Menschen. Zugunsten von noch mehr Tränen und mit der Hoffnung auf Quote. Das ist so verabscheuungswürdig wie primitiv und dürfte bislang ohne Beispiel sein. Man kann nur hoffen, dass Victoria den Sender verklagt. Perfid ist nur, dass es wohl lange dauern wird, bis sie überhaupt merkt, was ihr da widerfahren ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2008, 17:34 Uhr

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