Privatfernsehen in der Schweiz: Und es funktioniert doch!
Von David Vonplon. Aktualisiert am 08.08.2008
Rekordquote: Kandidat Mark aus der Erfolgssendung «Bauer, ledig, sucht».
«Aus den Fehlern der Vorgänger gelernt»: Senderchef Dominik Kaiser.
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Die Geschichte des Deutschschweizer Privatfernsehens ist kurz und tragisch: Bislang scheiterte hierzulande noch jedes nennenswerte überregionale private TV-Vorhaben. TV3 ging 2001 die Luft aus und bescherte der Tamedia einen Verlust von geschätzten 120 Millionen Franken. Nur kurz zuvor waren bereits bei Tele24 die Lichter ausgegangen: Initiant Roger Schawinski verkaufte sein Fernsehen an die Tamedia. Und auch dem vorabendlichen Schweizer TV-Fenster von RTL/ProSieben war ein kurzes Leben beschieden. Das Aus erfolgte im Frühjahr 2000 bloss sieben Monate nachdem das TV-Projekt auf Sendung gegangen war.
Kein Medienunternehmer traute sich in den folgenden Jahren, mit einem neuen Sender die SRG herauszufordern. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen schienen überregionale TV-Vorhaben zu verunmöglichen. Spartensender wie U1 oder Star-TV halten sich zwar seit einigen Jahren, zementierten aber angesichts des dürftigen Programms eher die Einsicht, dass Privatfernsehen in der Schweiz nicht funktioniert. «Die Zukunft des Privatfernsehens in der Schweiz liegt in der Vergangenheit», befand angesichts dessen etwa Roger Schawinski. Diese Ansicht muss gemäss Kaiser umgehend korrigiert werden: «Es wird auch für die angesprochenen TV-Kenner Zeit, die Theorie der Praxis anzugleichen.»
Der junge Privatsender 3+ erlebt derzeit einen Höhenflug: Diese Woche erzielte die Casting-Sendung «Bauer, ledig, sucht...» erneut Rekordwerte – bis zu 250'000 Zuschauer verfolgten das Format. Wie schon in der Vorwoche überflügelte der Sender damit das Schweizer Fernsehen. Angesichts der guten Einschaltquoten könnte der Privatsender umwerfen, was in der TV-Branche seit Jahren als eisernes Gesetz gilt: Ein sprachnationaler privater Fernsehsender hat in der Deutschschweiz neben der übermächtigen SRG keine Überlebenschance.
3+ trat vor zwei Jahren an, um den herrschenden Fatalismus in der Branche Lügen zu strafen: «Kosten im Griff haben, sich nicht über den Tisch ziehen lassen, schrittweise und gesund wachsen und für gute Ideen kämpfen», so fasst Senderchef Dominik Kaiser die Strategie für seinen Sender zusammen. Mit einem strikten Kostenmanagement, Geschick beim Einkauf ausländischer Serien und Filme sowie einer ausgeklügelten Gegenprogrammierung zur Konkurrenz will er das angeblich Unmögliche möglich machen.
Kaiser hat aus den Fehlern seiner gescheiterten Vorgänger gelernt. Auf aufwändige Info- und Nachrichtensendungen verzichtet er ganz – hier sei das Schweizer Fernsehen ohnehin nicht zu schlagen. Er beschränkt sich allein auf Unterhaltungsformate. Dass seine Marschrichtung stimmt, glauben mittlerweile auch einflussreiche Akteure aus der Medienwelt: Seit Juni sitzt mit dem früheren RTL-Chef Helmut Thoma ein Mann im Verwaltungsrat von 3+, der in Deutschland den Aufstieg des Privatfernsehens mitgeprägt hat. Und mit dem früheren Swissfirst-Chef Thomas Matter gewann Kaiser vor kurzem einen weiteren Investoren für sein Projekt.
Angesichts der jüngsten Erfolge plant Senderchef Kaiser nun, sein Programm auszubauen: «Wir sind finanziell gesund und werden weiter schrittweise wachsen», sagt er auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Waren die Eigenproduktionen bei 3+ bislang im Programm dünn gesät – was dem Sender den Vorwurf eintrug, bloss ein Abspielkanal für ausländische Serien und Filme zu sein – will er neben der Castingshow Supermodel 2008 im Herbst drei weitere neue Schweizer Sendungen ausstrahlen.
In der Branche schliessen nun auch Experten nicht mehr aus, dass ein sprachnationaler Sender sich neben dem Schweizer Fernsehen längerfristig etablieren kann: So registrierte die «SonntagsZeitung», dass Fernsehmachen offenbar auch ohne «Hohle Hand»-Prinzip funktioniere. Und der Berner Medienwissenschaftler Roger Blum erklärt: «Es scheint, dass es keine ehernen Gesetze gibt, was im Schweizer Markt möglich ist und was nicht». Blum glaubt allerdings, dass es grundsätzlich schwierig bleibe, Fernsehen allein aus den kleinen lokal-regionalen oder sprachregionalen Märkten zu finanzieren.
Gegenüber den regionalen Sendern, die mit wenigen Ausnahmen finanziell schlecht dastehen und nach Gebührengeldern lechzen, seien die Rahmenbedingungen für 3+ «vielleicht etwas besser». Was zudem für 3+ spricht: Im Vergleich zur Zeit nach 1997 bewegt sich jetzt nur ein Sender im sprachregionalen Raum, damals waren es mit TV3, Tele24 und dem RTL/ProSieben-Fenster drei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.08.2008, 10:25 Uhr
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