Saarbrücker Weihnacht

Ein Hingucker: Der «Tatort» persiflierte munter die Frohe Botschaft, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Maria durch ein’ Dornwald ging» zirpt die Gitarre. Auf dem Hausaltar flackern die Kerzen, weihnachtsweihevoll arrangiert mit Marienfigur, Erlöser am Wandkreuz – und dem Foto eines jungen Mannes. Aber die engelsgelockte, hochschwangere (und keineswegs jungfräuliche) Schönheit, die da madonnengleich und blau gewandet im Herrgottswinkel der kleinen Wohnung steht, schaut mit ihrem schmerzerfüllten Blick weder auf den Mann noch auf den Jesus, sondern aus dem Fenster.

Cut. Eine glatthaarige, gefärbte Blondine – genau, Kontrast! – stürmt, sichtlich nicht in Feierlaune, aus einem Haus, traktiert ihr Handy, läuft auf die Strasse. Und knallt auf ein heranrasendes Auto. Das Handy beschreibt eine zierliche Wurfparabel in der Luft. Alles andere ist weniger zierlich: der Aufprall der jungen Frau auf der Strasse, das spritzende Blut, die Fahrerflucht des Typs in der lila Zuhälterkutsche.


Komödiantischer Krimi

Ein starker Start des neuen Saarbrücker «Tatorts», der überhaupt ein Hingucker ist. In «Weihnachtsgeld» ist Devid Striesow als Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink weniger abgedreht, dafür deutlich witziger als bisher (eher blass: Kommissarskollegin Lisa Marx). Er jagt auf seiner roten Vespa einen bösen Kiez-König und einen gar nicht mal so bösen Erpresser – und Regisseur Zoltan Spirandelli hat für die komödiantische Krimianlage genau das richtige Händchen mit seiner ruhigen, die Pointen auskostenden Erzählweise. Da stolpert ein kleiner Taxifahrer in eine Mordsgeschichte hinein, liest dabei zufällig die schwangere Madonna (siehe oben) auf, die eigentlich nach Sizilien abhauen will – und ratzfatz hat die ganze Story ihren weihnachtlichen Dreh, Geburt des Kindleins in einer kargen Scheune inbegriffen. Klar, dass Florian Bartholomäis Taxifahrer Jupp heisst, also Josef. Aber auch der offizielle Vater des Babys ist nicht der leibliche – sonst hiesse die Mutter ja nicht Maria (Fanny Krausz).

Das Drehbuch des unglaublich produktiven, mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Autors Michael Illner hats einfach drauf: Munter persifliert es die Frohe Botschaft, ohne wiederum die Persiflage allzu zu ernst zu nehmen; fröhlich füllt es die Welt mit lauter Sündern, die das Herz dann doch am rechten Fleck haben – als da wären Jupp und Maria, ausserdem eine Hure und ein erzkatholisches Italienerpaar, ja, sogar die professionellen Taschendiebe auf dem Weihnachtsmarkt, die als erstes den Kommissar beklauen (ein höchst kurliges Apart von «Weihnachtsgeld»), haben etwas Sympathisches. Und die rechte Hand des miesen Bordell-Besitzers bekommt vom Drehbuch wenigstens ein rechtes Mundwerk verpasst. Dazu werden Krimi-Lustbarkeiten gereicht wie eine Christbaum-Lichterketten-Strangulation oder eine Polizistenchor-Folter. Und obwohl der Saarbrücker Kommissar seinen eigenen Sohn an Weihnachten nicht zu Gesicht kriegt, ist am Ende alles in Minne – und eine Wonne. Die Dornen haben Rosen getragen; hach, einfach schön wars. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.12.2014, 21:41 Uhr)

Umfrage

Wie viele Sterne geben Sie der Folge?







Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie nach Filmschluss die «Tatort»-Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Rating

«Tatort»-Folge: «Weihnachtsgeld»


Spannung
Glaubwürdigkeit
Reiz des Milieus
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

«Alle machen Fehler» – auch die Regie

TV-Kritik Altbackene Jungermittler als Trio infantile und viele Krimiklischees: Muffig war die Welt im Erfurter «Tatort». Mehr...

Wenn es Kuhaugen regnet

TV-Kritik Hat jemand den «Tatort» verstanden? Tagesanzeiger.ch/Newsnet bittet um sachdienliche Hinweise. Mehr...

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Sch**** Kunst: Eine Mitarbeitern der Tate Britain bestaunt das Werk «Project for a door» von Anthea Hamilton. Die britische Künstlerin ist zusammen mit Michael Dean, Helen Marten und Josephine Pryde auf der Shortlist des Turner Prize 2016. (26. September 2016).
(Bild: Carl Court/Getty Images) Mehr...