«Sei die, die du bist»
Von Marcel Reuss. Aktualisiert am 17.03.2011 9 Kommentare
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Das Kleingedruckte für einmal vorneweg: Jede Zeile, die Sie ab dem Stichwort «ab jetzt» lesen, kostet Sie 50 Rappen. Das ist ein fairer Preis. Weil er Ihnen die 4.50 Franken ersparen kann, die Sie eine Minute Mike Shiva kostet. Und weil Sie in diesem Text trotzdem einiges über die Zukunft erfahren.
So, «ab jetzt» kostets: Es war an einem Samstag, als ich auf Schweiz 5 bei «Mike Shiva – die Zukunft» hängen blieb. Häufig gestellte Frage: «Ist das nicht schrecklich?» Immer gleiche Antwort: «Nein, es ist wie Tour de France schauen.» Es hat etwas Meditatives. Nur dass man statt an französischen Dörfern an Seelenlandschaften vorbeikommt, die man auch nicht unbedingt besuchen möchte. Es kommentierte halt nicht Hans Jucker selig, sondern die blonde Hellseherin Isabella. Und blond sei deshalb erwähnt, weil sie sich mit ihrer häufigsten Handbewegung immer wieder die eine Strähne aus dem Gesicht wischte. Auch dann, wenn die gar nicht dort hing. Aber etwas muss man ja tun, wenn man im Studio sitzt und – wie es Max Raabe besingt – «kein Schwein anruft». Da kann man ja nur noch Strähnen sortieren und ewig monologisieren. Bei Isabella klang das so: «Ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn Sie mich anrufen. Fragen Sie mich über Liebe, Beruf, Finanzen, Spiritualität . . . Fragen Sie mich, weil das zu Ihrem Lebensplan gehört. Sei der, der du bist. Sei die, die du bist . . . – liebe Zuschauer, das ist ein tolles Thema . . .»
Grüsse ans Licht
Leider meldete sich dann keiner der lieben Zuschauer, und so blieb der Isabella nichts anderes übrig, als zu den Kollegen zu schalten. Man kann sich das vorstellen wie früher bei «Aktenzeichen XY», als der Ede Zimmermann jeweils zu Peter Nidetzky abgab und der berichtete, dass in Wien nichts los sei. Isabellas Nidetzky hiess Aron, der ein wenig aussah wie ein Croupier, der im Kasino Tarotkarten auslegt. Und den Tönz gab die hellfühlige Athira, die irgendwie an eine Fielmann-Optikerin erinnerte. Und ähnlich wie bei «XY» sah man ständig Fotos von Menschen. Nur waren das keine Fahndungsbilder, sondern Bilder von anderen Zukunftsberatern. Auch sie warteten auf die Anrufe, mit denen sich Hauptkommissar Shiva seine neue Basler Wohnung finanziert.
Und dann hatte die Isabella doch Glück: «Hallo», sagte der Eugen, 60 und Stier. Dann erzählte er, dass er mit seiner Partnerin seit sechs Wochen in der Eiszeit lebe. Schreibe er ihr ein liebes SMS, antworte sie mit einem ablehnenden. Nun wolle er wissen, ob sie zurückkäme? «Wie lange seid ihr zusammen?», fragte die Isabella. – «Ich bin mir nicht ganz sicher, etwa neun Monate.» – «Drei?» – «Nein, neun.» – «Okay», sagte Isabella. Eigentlich sei Versöhnung angesagt, allerdings sei da ein Krach gewesen . . . Sie habe kein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ihre Karten leider bestätigten. Es sehe gar nicht gut aus. «Ja, gut», sagte darauf der Eugen. «Tut mir leid», die Isabella, und: «Ich grüsse das Licht in dir. Ich grüsse das Licht in mir. Ich grüsse das Licht in uns allen. Liebe Zuschauer . . . 0901.»
Wie die Zeit vergeht
Doch mit den lieben Zuschauern wollte es wieder nicht klappen. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass niemand eine Frage hat», sagte Isabella dann. Eva, 58 und Skorpion, erlöste sie. Isabella zog die Rose. Die stehe für die Liebe, auch zu sich selbst. Eva solle doch vor einen Spiegel stehen, mit oder ohne Kleidung, ihren Körper berühren und immer wieder sagen: «Ich liebe mich . . .» Das sei ein wichtiges Thema, sagte die Isabella. «Hmh», sagte die Eva.
Später zeigte sich, dass es bei Eva auch um Kreativität geht, und es zeigte sich auch, dass sich beide kennen. Das heisst, dass die Eva die Isabella kennt. «Ach, du warst mal bei mir? Interessant, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern», sagte die Isabella. Sie habe sogar einen Kurs besucht, sagte die Eva. «Wann?», fragte die Isabella. – «2009.» – «Ah ja, so lange her.»
Wie doch die Zeit vergeht, dachte ich da auf dem Sofa. Für mich. Für die Eva, die am Ende des 90-fränkigen Gesprächs durchaus zufrieden wirkte. Und für Sie, liebe Leserin und lieber Leser. Diese Erkenntnis kostet Sie im Übrigen runde 50 Franken, die Sie bitte an einen Hellseher Ihres Vertrauens überweisen mögen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2011, 10:24 Uhr
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9 Kommentare
Wieso das Bundesamt für Kommunikation nicht einschreitet und diesen Sendern die Konzession entzieht, verstehe ich nicht. Hier werden oft verzweifelte Menschen aufs Übelste abgezockt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Bundesamt macht sich zum Komplizen von solch menschenverachtenden Gaunern, ich finde das skandalös. Antworten
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