So geht man mit Ghadhafi um

Gestern war Henryk M. Broder in «Vis-à-vis» zu Gast, wo der streitbare Publizist unter anderem über Ghadhafi und die Schweiz sprach. Und erklärte, weshalb er konservative Muslime am Handy nicht ausstehen kann.

Kritik der reinen Toleranz: Henryk M. Broder macht bei Frank A. Meyers «Vis-à-vis» keinen Hehl aus seiner Meinung.

Kritik der reinen Toleranz: Henryk M. Broder macht bei Frank A. Meyers «Vis-à-vis» keinen Hehl aus seiner Meinung.

Zur Person

Henryk M. Broder entstammt einer polnisch-jüdischen Familie und wurde am 20. August 1946 in Kattowitz, Polen, geboren. 1958 emigrierte er nach Deutschland. In Köln studierte er vorübergehend Soziologie, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft und wandte sich danach dem Journalismus zu. Er schreibt unter anderem für den «Spiegel», die «Weltwoche» und den «Tagesspiegel». Daneben hat er mehrere Bücher geschrieben.

«Vis-à-vis» mit Henryk M. Broder, heute Abend 22.30 auf 3sat.

Henryk M. Broder ist ein Profi-Provokateur. Dies beweist er im Gespräch mit dem Ringier-Publizisten Frank A. Meyer gleich zu Beginn ohne überhaupt den Mund aufzumachen: Zur Sendung «Vis-à-vis» trägt Broder ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Kritik der reinen Toleranz» – der Titel eines seiner Bücher und eine Anspielung auf eine seiner umstrittenen Thesen.

Wie tolerant darf man der Intoleranz gegenüber sein? Dürfen sich Kräfte, welche die Verfassung und den westlichen Staat bekämpfen, auf dessen rechtsstaatliche Prinzipien berufen? «Nein», sagt Broder in Interviews und Artikeln immer wieder. Und: Die europäischen Gutmenschen sässen wie die Kaninchen vor der Schlange, könnten sich nicht mehr vor sich selbst und ihrer Apeasementpolitik gegenüber dem Terror retten.

Machtlosigkeit als Programm

Weil auch Frank A. Meyer für seine prononcierte Meinung gegenüber dem Islam bekannt ist, verhiess ein Gespräch zwischen ihm und Broder eine doppelte Kritik am Schmusekurs gegenüber dem islamischen Terror. Meyer konzentriert sich jedoch über weite Strecken auf persönliche Fragen, wie etwa Broders jüdischen Background und seine Kindheit in Polen.

Freilich kommen die beiden Publizisten dann doch noch auf ihr Lieblingsthema zu sprechen: Die Islamisierung Europas. «Das Vermummungsverbot wird nicht angewandt», so Broder hinsichtlich der Burka: «Wie weiss ich, dass unter einer Burka eine Frau steckt – und kein Kerl mit einer Waffe?» Wenn seine Tochter in Riad im Minirock durch die Strassen spazieren könnte, dann liesse er mit sich diskutieren, so Broder. Doch der Westen sei nicht mal in der Lage, auf diesen Quid-pro-Quo-Geschäften zu bestehen. Die Machtlosigkeit sei zum Programm geworden.

Die Handy-Metapher

Aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen in der Debatte über den Umgang mit Schurkenstaaten wie Libyen kapitulierten Europas Politiker, sagt Broder weiter. Sogar die Schweiz, die er sehr schätze, weil sie zusammen mit Island als einziges Land gegen Faschismus immun sei. Sein Rat an unsere Politiker: Rückgrat zeigen, aufhören zu betteln und – man weiss nicht recht, wie ernst er es meint: «Warum nicht die neuen Militärflugzeuge an Ghadhafi ausprobieren?»

Interessant auch folgende Anekdote Broders zum Clash der Zivilisationen: Ein Muslim spaziert mit einem Tross vermummter Frauen durch Berlin und telefoniert am Handy. Für Broder ein unerträgliches Bild: «In der Handytechnologie stecken 500 Jahre Freiheit um zu denken, zu forschen und Fragen zu stellen. Gleichzeitig verachtet dieser Mann die Aufklärung und die Säkularisierung!»

Die Metapher zeigt einmal mehr, dass man bei Broder Abwägungen und Zwischentöne oftmals vergebens sucht. Das macht ihn ebenso unterhaltsam wie umstritten – und zu einem perfekten Interviewpartner. Das Gespräch war gestern um 22.30 Uhr auf 3sat zu sehen. (phz)

Erstellt: 24.11.2009, 08:18 Uhr

17 KOMMENTARE

Thomas Läubli

26.11.2009, 00:56 Uhr

Broder ist ein Pseudo-Intellektueller, der von finanzstarken Kreisen aus der Wirtschaft bezahlt wird, um Muslim-Bashing zu betreiben. Dass er vor der Abstimmung zum Minarettverbot von FAM für ein Kaffeekränzchen am Fernsehen eingeladen wird, ist ja kein Zufall. FAM möchte den rechtskonservativen Gutmenschen helfen, Werbung für den radikalen Islam zu machen.


Hans Iseli

25.11.2009, 21:26 Uhr

@Steve Walker: Endlich hat es mal einer so formuliert, wie ich das immer gerne getan hätte. Danke!


Luzia Keller

25.11.2009, 14:52 Uhr

Ob H.M.B. recht hat oder nicht, ist eigentlich irrelevant, denn er verdient seinen Lebensunterhalt mit provokativen Publikationen. Solange wir in Europa nicht fähig sind, uns wirtschaftlich unabhängig von solchen diktatorisch geführten Ländern zu machen, müssen wir Konzessionen eingehen. Ob es uns passt oder nicht! Oder wer verbietet den Technologiekonzernen hier, kein Know-how mehr zu liefern?


John Luternauer

25.11.2009, 12:37 Uhr

Leider hat dieser Herr Broder absolut recht. Europa ist total feige geworden und unachtsam dazu! Dem Islam sind die Grenzen aufzuzeigen. Die Intoleranz dieser Religion gegenüber anders Gläubigen ist nicht tolerierbar und muss mit gleicher Intoleranz bestraft werden. Wir schaffen uns sonst unser eigenes Terroristennetz im Lande. Der gebildete Muslim von Cern spricht für mich Bände!!!


Linda Leuenberger

24.11.2009, 22:57 Uhr

Die Furcht vor der Einführung der Scharia scheint mir doch eher wahnhaft. 5% der Bevölkerung sind Muslime, die meisten aus dem Balkan und der Türkei, wo nicht die Scharia Gesetz ist, und nur ein Drittel sind praktizierend. Ich frage mich auch, wo Herr Boder die Frauen in Burka sieht. Ich habe hier noch nie eine gesehen. Gibt es denn im Lande keine echten Probleme mehr?


Lukas Lautenschlager

24.11.2009, 14:18 Uhr

Wer bei uns lebt, soll sich an unsere Gesetze halten, keine Frage. Aber dass wir unsere Gesetze intoleranter ausgestalten, nur weil in andern Ländern Intoleranz herrscht (bspw. Minarettverbot bei uns, weil man auch in Saudi-Arabien keine Kirchturmverbot bauen darf), wäre eine moralische Bankrotterklärung. Wir können andere nur auf bestimmte Werte verpflichten, wenn wir uns selber an diese halten.


Peter Zurbrügg

24.11.2009, 13:10 Uhr

Es gibt leider viel zu wenige vom Format Broder! Dass wir hier im Westen schlafen ist ja wohl klar. Der Grund dafür ist der unglaubliche Wohlstand. Wir haben von allem zuviel, und das macht uns selbstzufrieden und tolerant gegen andere Weltanschauungen. Spätestens beim einführen der Scharia sollte es auch dem tolerantesten Schweizer dämmern! Nur ist des dann zu spät!


cristiano safado

24.11.2009, 12:17 Uhr

@steve walker Sie meinen wohl die Pseudo-Intellektuellen. Also die, die dank ihrer Intelligenz, wohl eher aber Ueberheblichkeit, nicht in der Wirtschaft landen, sondern bei Väterchen Staat und den Linken und dort ihr Süppchen kochen. Ein Süppchen, das ganz sicher nicht im Interesse unseres Staatsverständnisses liegt. Fragt sich nur weshalb.


Luzia Keller

24.11.2009, 11:33 Uhr

Ich staune doch sehr über diese Darstellung der Realitäten. Wir profitieren doch alle vom Öl dieser sog. Schurkenstaaten und treiben Handel, helfen mit unserem Know-how bei deren Modernisierung, etc.. Würden gleichzeitig mit einem fetten Handelsvertrag auch die Einhaltung der Menschenrechte vertraglich verbrieft, sähe es heute schon anders aus. übrigens @steve walker, H.M.B. ist Intellektueller!


Gisela Niedermann

24.11.2009, 11:23 Uhr

Oh hätte doch nur ein paar unserer Politiker einen Hauch von Durchblick von Herrn Broder, die Dynamik wäre sehr angenehm und täte den meist unfähigen beim Erwachen sehr gut.


Hans-Rudolf Ott

24.11.2009, 11:22 Uhr

In der Zeitung Sonntag vom 22.11 hat Bischof Koch den sehr guten Satz gesagt:...dass heute je länger je mehr eine Minderheit entscheidet, was gelten soll. Das ist eine neue Form von Demokratie, die sich bisher nach Mehrheiten gerichtet hat.


Gabriela Süss

24.11.2009, 10:57 Uhr

Konsequenz und Rückgrat wünsche ich mir für dieses Land. Respekt allen Menschen gegenüber, aber nicht die Verleugnung unserer eigenen Ueberzeugungen. Wir müssen lernen unsere Grenzen klar zu setzen und zu verteidigen. Dieses Sprichwort, der Gescheitere gibt nach und der Esel bleibt stehen, sollten wir vergessen. Es gibt genug Esel in unserem Land.


Heinz Butz

24.11.2009, 09:22 Uhr

Es ist richtig, wir haben unsere Lebensweise nicht den Einwanderern anzupassen, sondern umgekehrt. Wer in der Schweiz leben will muss sich nach der hiesigenOrdnung reichten, das heisst Tennung von Kirche und Staat, Gleichberechtigung, Toleranz, Demokratieverständnis, Schweizerisches Recht, Beherrschung einer Landessprache und was sonst die Schweiz ausmacht. Sonst kann man wieder nach Hause, Basta.


steve walker

24.11.2009, 09:22 Uhr

Die Intellektuellen prangern oft und gerne das Bild vom feigen 2.-Weltkriegs-Schweizer an, der vor Hitlerdeutschland gekuscht hat (was natürlich aus heutiger Sicht aus dem warmen Sessel ziemlich wenig Mut verlangt). Heute kuscht die Schweiz vor der islamistischen Gefahr - und die Intellektuellen kuschen mit. Sie werden von kommenden Generationen verurteilt, Broder als Widerständler gerühmt werden.


Alain Mohler

24.11.2009, 08:54 Uhr

Etwas provozierend, aber im Kern der Thematik hat Herr¨Broder recht. Unsere westliche Politik ist ratlos der Intoleranz der extremen Islamisten und Ghadhafi gegenüber. Mit unseren selbst auferlegten Moralitäten kommen wir hier nicht weiter. Wir verweigern uns den Menschen so zu sehen wie er ist, mit all seinen negativen Seiten. Im Kontrast mit dieser Idealisierung überfordert das uns.


Jean Lenaux

24.11.2009, 08:39 Uhr

Habe die Sendung gesehen. Es hat jegliche Spannung gefehlt. F.A.M. schreibt immer wieder gut, als Interviewer ist er nicht gerade spannend. H.M.B. sollte eine mediale Pause machen. Wenn man jemanden zu oft hört oder sieht, geht die Spannung weg. Man hat das Gefühl, nichts Neues mehr zu hören. Die Stärke von H.M.B. ist die Analyse von gesellschaftlichen Zuständen und dies auch beschreiben zu können


Florian Leuthardt

24.11.2009, 08:24 Uhr

Na, ob die Schweiz und Island immun gegen Faschismus sind, wage ich zu bezweifeln. Ansonsten stimme ich den Aussagen dieses mir unsympathischen Broder zu. Wenn sich unsere Politiker nicht ändern, wird es bald aus sein mit Demokratie und Freiheit in Europa! Dann herrschen Unfreiheit und Scharia!



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