Stolz auf die eigene Oberflächlichkeit

Sind die nun ehrlich oder einfach nur naiv? Das fragte man sich beim SRF-Dok über Junge im Fitnessrausch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So viel Oberflächlichkeit musste man erst einmal aushalten. Nicht, dass es schlecht anzusehen war, was man da in der Doku «Mein Körper – Mein Werk» zu Gesicht bekam: Jungs, die ihr definiertes Sixpack zufrieden im Spiegel checkten, gebräunte Muskelberge, die gerne «mehr Volumen in der Brust» hätten, Frauen Anfang 20, die sich das Extravolumen Brust in Form von Silikonimplantaten besorgt haben und andere Girls, die von mehr Tattoos bedeckt waren als von Fitnesskleidung.

Fragen beantworten beim Hantelstemmen

Noch nie haben so viele Jugendliche und junge Menschen in Schweizer Fitnesscentern trainiert wie heute – weil sie gut aussehen wollen. Diszipliniert wie Spitzensportler, mehrmals pro Woche, manche tun es täglich. Zwei von drei Jugendlichen sind laut einer Untersuchung unzufrieden mit ihrem Körper. Die Mädchen fühlen sich zu dick, die Jungen zu schmächtig. Alle erhoffen sich durch Muskeln mehr Selbstbewusstsein. Die Doku, die gestern Abend bei SRF zu sehen war, hat drei von ihnen begleitet: die 22-jährige Jenny, den 22-jährigen Miguel und den 20-jährigen Alessandro, die alle nur eines im Sinn haben: ihren Körper.

«Mehr Brustmuskeln»: Ausschnitt aus der SRF-Doku «Mein Körper – Mein Werk».

Dabei liessen sie sich von nichts aus ihrem durchorganisierten Konzept bringen, nicht einmal von den Interviewfragen des Reporters Hanspeter Bäni. Sie antworteten unter Stöhnen und Ächzen, bis zur letzten Wiederholung der Fitnessübung – und das erfrischend offen. Wo andere sich um eine klare Aussage drücken, wenn ihnen unangenehme Fragen gestellt werden, perlten diese bei den dreien einfach ab wie der Schweiss beim Hantelstemmen. Sie sprachen mit solch einer Offenheit, dass man sich zwischendurch fragte: Ist das nun ehrlich oder einfach nur naiv?

Mit einem Koffer voll Esswaren in die Ferien

Von Muskelprotz Miguel wollte der Reporter etwa wissen, ob er bei seinem Juniorentitel an der Schweizer Meisterschaft im Bodybuilding nachgeholfen habe. Daraufhin erzählte dieser mit der grössten Selbstverständlichkeit, dass er Zusatzpräparate genommen habe, die man auf dem Schwarzmarkt bekomme. Aber nur für den Wettkampf. «Wird das denn nicht kontrolliert?», wollte Bäni wissen. «Schon», sagte Miguel, «aber die machen nur Stichproben.»

Der 20-jährige Alessandro, der mit einem Koffer voller Kichererbsen, Thunfischdosen und anderen unverzichtbaren Esswaren in die Ferien nach Süditalien reist, gibt unumwunden zu, dass er ein Gefangener seiner Obsession sei, und die ehemalige Pharmaassistentin Jenny bestätigt ohne Ausflüchte, dass sie süchtig nach Fitness sei. «Warum definieren Sie sich so sehr über Ihren Körper?», will der Reporter wissen. Die Antwort: «Heutzutage sind Menschen ein bisschen oberflächlich. Da gehört es dazu, dass man gepflegt aussieht.»

70 Gramm Reis und 160 Gramm Poulet

Vielleicht ist diese Selbstverständlichkeit, mit der die Jungen zu ihrer Oberflächlichkeit stehen, auch ein Ausdruck dafür, wie absorbiert sie in ihrer Fitnesswelt leben, in der es inzwischen so viele Gleichgesinnte gibt, dass man sich nicht schämt, sondern stolz ist und womöglich gar nicht mehr merkt, wie seltsam manches für Aussenstehende anmutet. In ihrer Welt ist es völlig normal, dass man seine Mahlzeiten auf das Gramm genau abwägt und später aus einem «Tupper» isst.

Bei Miguel sind es heute: 120 Gramm Haferflocken, 35 Gramm Proteinpulver, ein paar Heidelbeeren und Wasser. Als Ergänzung gibt es Zinktabletten, Omega-3-Fettsäuren, Aminosäuren und Vitamintabletten. Jenny bestellt bei ihrer Mutter 70 Gramm Reis für vor dem Training und 70 Gramm für danach, dazu jeweils 160 Gramm Poulet. «Ist gut», sagt die Mama, die ihrer Tochter das bestellte Essen gelegentlich bis ins Fitnesscenter bringt. Sie findet es super, was ihre Tochter da tut. Lieber das, als wenn sie ständig im Ausgang wäre und trinken oder Drogen nehmen würde.

Mit Anabolika zu Arterien eines Pensionierten

Tun sie zumindest nichts Dümmeres, denkt man zwischendurch auch beim Zuschauen. Bis der Sportarzt zu Wort kommt. Ein junger Mensch, der regelmässig Anabolika nehme, habe mit 30 Jahren die Arterien eines 60- oder 70-Jährigen und nehme ein grosses Risiko für einen frühzeitigen Tod in Kauf, etwa wegen eines plötzlichen Herzinfarkts. Später sehen wir Jenny krank im Bett, weil sie für einen Schönheitswettbewerb einerseits Muskeln aufbauen und gleichzeitig elf Kilogramm Gewicht abnehmen wollte. Der Körper wollte jedoch nicht. Kurz schlucken musste man auch, als der 20-jährige Alessandro erklärte, dass er zahlreiche Kunden in Sachen Ernährung und Fitness berate – für bis zu 350 Franken pro Stunde. «Ich sage immer, dass ich kein Experte bin. Aber ich glaube, mit meiner über 6-jährigen Erfahrung kann ich ihnen sicher auf ihrem Weg helfen.»

Situationskomik und ein seltsamer Einschub

Die Doku war gelungen und unterhaltsam, auch, weil Reporter Bäni es immer wieder schaffte, unfreiwillige Komik einzufangen. Etwa als Jenny die Bedeutung eines ihrer zahlreichen Tattoos erklärte: «Das bedeutet Stärke», und sie Sekunden später «fuck, fuck, fuck» stöhnte, als der Tätowierer ihr zwei Blumen in die Haut über den knackigen Pobacken stach. Oder als Muskelprotz Miguel sich über seine zu flache Brust beklagte und im nächsten Moment eine Doppel-D-Oberweite mit Hantel auf der Schulter im Ausfallschritt durchs Bild lief. Reporter Bäni stellte auch die unbequemen Fragen und liess sie von Experten einordnen. Ein Psychologe erklärte den momentanen Fitnesskult bei den Jugendlichen so: «Seinen Körper kann man relativ einfach gestalten. Das ist einfacher, als etwa in der Schule gut zu sein.» Seltsam mutete einzig der Einschub an, der Ausschnitte aus einer alten Reportersendung über Essstörungen zeigte. Er sollte wohl die Parallelen zwischen den beiden Süchten Fitnesswahn und Magersucht aufzeigen, von denen es tatsächlich einige gibt. Die Magersüchtige hatte mit der Fitnessszene jedoch nichts zu tun und wirkte so wie ein Fremdkörper in der Doku. Hier hätte sich der Reporter – seinem Schlusssatz entsprechend – besser wie die Jungen im Fitnesswahn auf das einzig Wesentliche konzentriert: «Es lebe der Körper. Denn mehr zählt hier nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.01.2016, 12:47 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Die Hühnerbrust nervt – vor allem im Sommer»

Hintergrund Junge Männer beginnen immer früher, ihren Körper zu trimmen – manche verfallen dabei einem regelrechten Fitnesswahn. Als Vorbild dienen muskulöse Hollywood-Beaus. Mehr...

Drum quäle sich, wer fit sein will für den Job

Triathlon, Extremradrennen und Fitness um 5  Uhr früh: Ausdauersport ist das neue Hobby der Manager. Mehr...

Fitness, du Albtraum ohne Ende

Outdoor Mit dem Training ist es wie mit einer Diät: Lässt die Disziplin nach, ist der Effekt schnell dahin. Zum Blog

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Runde Sache: Ein Karussell am Frankfurter Weihnachtsmarkt (6. Dezember 2016).
(Bild: Michael Probst) Mehr...