TV-Kritik: Am «lustigen Appenzeller» gescheitert
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 03.12.2009 15 Kommentare
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Ein kleiner Mann aus dem Appenzell findet sich plötzlich im Sturm der Weltpolitik: Die Geschichte des Hans-Rudolf Merz bietet eigentlich genug filmreifen Stoff. Doch obwohl sich Merz dem «Reporter» für ein längeres Gespräch zur Verfügung stellt, schafft es das Schweizer Fernsehen, eine ganze Sendung lang Altbekanntes zu wiederholen, Klischees zu bedienen, sich in Widersprüche zu verwickeln.
Schon das ungelenke Wortspiel als Titel («Merz im Winter»), liess wenig Gutes erahnen. Die Vorahnung täuschte nicht: Zur ersten Einstellung ertönt das Volkslied «Min Vatter isch en Appezeller», danach wird die ganze Libyengeschichte noch einmal nacherzählt – ohne dass auch nur ein neuer Aspekt zu erfahren wäre. Merz sei harmoniesüchtig, im Bundeshaus habe man nur noch Mitleid mit ihm, in einem anderen Lande hätte er längst zurücktreten müssen – dies las man in den letzten Wochen immer und immer wieder in den Zeitungen und genau das will einem die Sendung mit Nachdruck weismachen. Nicht etwa, indem Merz nahestehende Personen dies bestätigen würden, oder neue Einsichten dies belegen würden, nein, es wird einfach behauptet, weil das so gut ins Bild des «freundlichen, belesenen und bescheidenen» Appenzellers passt.
Was sich der Reporter «gemeinerweise» denkt
Dabei findet Reporter Roland Huber auch zu eigenartigen Schlüssen: «Beruflich war Merz für Schmidheiny in der ganzen Welt unterwegs, immer auf Harmonie bedacht. Womöglich ungünstig für den Charakter, um nicht zu sagen für das Rückgrat, denke ich mir gemeinerweise.» Zuweilen widerspricht er sich selbst. «Der Bundespräsident wird gerne kleiner gemacht, als er ist», sagt er, als von den «Merzli» die Rede ist, einem Süssgebäck eines Herisauer Confiseurs. Um dann Merz selbst als «kleinen lustigen Appenzeller, der auch dann noch grinst, wenn es nichts mehr zu lachen gibt», zu verniedlichen.
Als Merz gefragt wird, weshalb er nicht zurücktrete, antwortet er: «Ich bin gewählt, es müssten schon aussergewöhnliche Dinge passieren, damit ich zurücktrete.» Um dann zu betonen, dass ein Appenzeller Grind sich nicht drängen lasse. Der Bundespräsident sagt immer wieder, er habe bei der Libyenaffäre nichts falsch gemacht. «Ich bin mit der Wahrheit gut umgegangen», sagt er. «Ich habe weder gestohlen und gelogen.» Oder: «Niemand konnte mir sagen, wie ich es hätte besser machen können.» Eine gewisse Weltfremdheit ist Merz nicht abzusprechen, da hat der «Reporter» durchaus recht. Doch was geht in Merz' Kopf tatsächlich vor? Wie sehr hat ihn die Kritik an seiner Person getroffen? Perlt tatsächlich alles an ihm ab, wie der «Reporter» suggeriert? Wir erfahren es nicht. Dafür sehen wir, wie der kleine Appenzeller auf dem Herisauer Markt einkauft und vor seiner Sammlung an geschnitzten Alpaufzügen posiert. Merz ganz so, wie wir ihn uns schon immer vorgestellt haben.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.12.2009, 12:22 Uhr
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