Kultur

TV-Kritik: Am «lustigen Appenzeller» gescheitert

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 03.12.2009 15 Kommentare

In «Reporter» versuchte das Schweizer Fernsehen das Präsidialjahr des Hans-Rudolf Merz nachzuzeichnen. Und bestätigte dabei alles, was man über den Appenzeller schon immer zu wissen glaubte.

1/6 Kniefall oder mutiger Einsatz? Hans-Rudolf Merz trifft Ghadhafi in New York.
SF/Reporter

   

Ein kleiner Mann aus dem Appenzell findet sich plötzlich im Sturm der Weltpolitik: Die Geschichte des Hans-Rudolf Merz bietet eigentlich genug filmreifen Stoff. Doch obwohl sich Merz dem «Reporter» für ein längeres Gespräch zur Verfügung stellt, schafft es das Schweizer Fernsehen, eine ganze Sendung lang Altbekanntes zu wiederholen, Klischees zu bedienen, sich in Widersprüche zu verwickeln.

Schon das ungelenke Wortspiel als Titel («Merz im Winter»), liess wenig Gutes erahnen. Die Vorahnung täuschte nicht: Zur ersten Einstellung ertönt das Volkslied «Min Vatter isch en Appezeller», danach wird die ganze Libyengeschichte noch einmal nacherzählt – ohne dass auch nur ein neuer Aspekt zu erfahren wäre. Merz sei harmoniesüchtig, im Bundeshaus habe man nur noch Mitleid mit ihm, in einem anderen Lande hätte er längst zurücktreten müssen – dies las man in den letzten Wochen immer und immer wieder in den Zeitungen und genau das will einem die Sendung mit Nachdruck weismachen. Nicht etwa, indem Merz nahestehende Personen dies bestätigen würden, oder neue Einsichten dies belegen würden, nein, es wird einfach behauptet, weil das so gut ins Bild des «freundlichen, belesenen und bescheidenen» Appenzellers passt.

Was sich der Reporter «gemeinerweise» denkt

Dabei findet Reporter Roland Huber auch zu eigenartigen Schlüssen: «Beruflich war Merz für Schmidheiny in der ganzen Welt unterwegs, immer auf Harmonie bedacht. Womöglich ungünstig für den Charakter, um nicht zu sagen für das Rückgrat, denke ich mir gemeinerweise.» Zuweilen widerspricht er sich selbst. «Der Bundespräsident wird gerne kleiner gemacht, als er ist», sagt er, als von den «Merzli» die Rede ist, einem Süssgebäck eines Herisauer Confiseurs. Um dann Merz selbst als «kleinen lustigen Appenzeller, der auch dann noch grinst, wenn es nichts mehr zu lachen gibt», zu verniedlichen.

Als Merz gefragt wird, weshalb er nicht zurücktrete, antwortet er: «Ich bin gewählt, es müssten schon aussergewöhnliche Dinge passieren, damit ich zurücktrete.» Um dann zu betonen, dass ein Appenzeller Grind sich nicht drängen lasse. Der Bundespräsident sagt immer wieder, er habe bei der Libyenaffäre nichts falsch gemacht. «Ich bin mit der Wahrheit gut umgegangen», sagt er. «Ich habe weder gestohlen und gelogen.» Oder: «Niemand konnte mir sagen, wie ich es hätte besser machen können.» Eine gewisse Weltfremdheit ist Merz nicht abzusprechen, da hat der «Reporter» durchaus recht. Doch was geht in Merz' Kopf tatsächlich vor? Wie sehr hat ihn die Kritik an seiner Person getroffen? Perlt tatsächlich alles an ihm ab, wie der «Reporter» suggeriert? Wir erfahren es nicht. Dafür sehen wir, wie der kleine Appenzeller auf dem Herisauer Markt einkauft und vor seiner Sammlung an geschnitzten Alpaufzügen posiert. Merz ganz so, wie wir ihn uns schon immer vorgestellt haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.12.2009, 12:22 Uhr

15

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

15 Kommentare

Ella Lurino

03.12.2009, 13:28 Uhr
Melden

Richtig, in diesem speziellen Rückblick über BR Merz erfuhr man nicht viel Neues. Wer dies allerdings erwartet, hat das Wesen des Rückblicks geistig noch nicht zur Gänze durchdrungen. Antworten


Daniel Wyrsch

03.12.2009, 11:29 Uhr
Melden

Absolut richtige Kritik. Ich habe in dem Film leider nichts Neues erfahren. Praktisch null Hintergrund. Schade um die verpasste Chance! Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.