TV-Kritik: Armselige Lösungen für die Armen

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 06.01.2010 53 Kommentare

Der gestrige «Club» hat gezeigt: Ansätze zur Bekämpfung der Armut gibt es viele - doch scheint sich kaum jemand ernsthaft um die Umsetzung zu bemühen.

Im Club diskutierten gestern: Rolf Maegli (Vizepräsident Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS), Thomas Daum (Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband), Toni Bortoluzzi (NR SVP), Christine Maier (Moderatorin «Club»), Hugo Fasel, (Direktor Caritas Schweiz), Gabriele Burkhalter (Sozialhilfebezügerin) und Renate Hartmann (Sozialhilfebezügerin) (v.l.).

SF

Zwei Lager sassen sich gestern im «Club» gegenüber: Zwei Langzeitarbeitslose und der Chef von Caritas Schweiz, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Armut in der Schweiz bis 2020 zu halbieren. Auf der anderen Seite die gutbezahlten Wirtschaftsleute: Toni Bortoluzzi, Schreinermeister und SVP-Nationalrat, Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands und Rolf Maegli, Vizepräsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).

Die Ausgangssituation: Die Armut in der Schweiz nimmt zu. Laut Caritas-Chef Fasel werden 2000 Arbeitslose pro Monat ausgesteuert. Insgesamt sind in unserem Land 900'000 Menschen arm. Zahlen, an denen Gesprächsleiterin Christine Maier zweifelt, da es gar keine offiziellen Erhebungen gibt. Auch das ist symptomatisch für das Problem. Die Zahlen, die Fasel präsentiert, hat er denn auch nicht etwa vom Bundesamt für Statistik. Die Caritas hat sie selber erhoben. «Wir haben hier Grundlagenarbeit geleistet und eine Studie gemacht», erläutert Fasel. «Wir sahen, dass viele Angaben fehlen, um die Armut in der Schweiz überhaupt erfassen zu können.»

Wer hat hier noch den Durchblick?

Eine unhaltbare Situation, denkt sich der TV-Zuschauer. Wie soll ein Problem bekämpft werden, wenn es in seiner Tragweite nicht einmal erfasst ist? Aber es kommt noch dicker.

Die Höhe der Beträge, die Sozialhilfebezügern zustehen, ist nirgends festgelegt. Zumindest nicht gesetzlich. Es gibt zwar Richtlinien der SKOS, die aber laut den beiden betroffenen Sozialhilfebezügerinnen Gabriele Burkhalter und Renate Hartmann nicht einklagbar sind und zum Teil sogar einfach willkürlich geändert werden - will heissen: gekürzt werden.

Fasel bestätigt: «Die Kantone wollen eine Vergleichssituation bei den Sozialhilfebezügen verhindern, damit sie Leistungen unbemerkt abbauen können. Wir brauchen endlich saubere Berichte der Kantone, damit klar ist, welche Leistungen überhaupt ausbezahlt werden.»

Theorie und Praxis - ein himmelweiter Unterschied

Absurd mutet die Diskussion immer wieder an, wenn die Herren aus der Wirtschaft besonders Löbliches der Schweizer Sozialinstitutionen hervorheben - und die Bezügerinnen unisono verkünden, davon hätten sie nie gehört. Etwa der von Arbeitgeberpräsident Thomas Daum vorgerechnete Bruttobetrag, der Familien zustehe, wenn die vom Staat bezahlte Miete und Krankenkasse miteinberechnet würden. Auf 4000 bis 5000 Franken pro Monat komme da eine vierköpfige Familie, die von Sozialhilfe lebt. Weder Burkhalter noch Hartmann haben je ähnlich hohe Beträge bezogen. «Solche Zahlen suggerieren, den Sozialbezügern gehts ja ganz gut», meint Burkhalter sarkastisch.

Auf breite Zustimmung bei allen Experten stossen sogenannte Sozialfirmen, in denen sich Arbeitslose und Sozialhilfebezüger sozial und wirtschaftlich fit halten. So soll eine Tagesstruktur erhalten bleiben und zum Geld vom Sozialamt noch ein bisschen mehr Einkommen als Anreiz hinzukommen. Auch für diese Idee hat Sozialbezügerin Burkhalter nur ein müdes Lächeln übrig: «Ich war bereits in drei solchen Programmen, habe sogar mit 53 Jahren noch eine Schule gemacht. Geholfen hats trotzdem nix.»

Geld allein hilft nicht

Sozialbezügern kann eine Reintegration ins Arbeitsleben nicht allein mit finanzieller Hilfe gelingen. Dies ist ein Punkt, in dem sich die ganze Runde einig ist. Das grösste Problem neben den ewig um die Frage «Reichts bis ans Monatsende» kreisenden Gedanken ist die Perspektivenlosigkeit, das psychische Loch, in das viele Sozialbezüger fallen und aus dem sie kaum wieder herauskommen. Thomas Daum fordert deshalb mehr Coaching, Betreuung, Anleitung und leichteren Zugang zu gewissen Arbeitsplätzen für Menschen, die nicht mehr am normalen Gesellschaftsleben teilhaben. «Das Schlimmste an der Sozialhilfe ist, dass die Armen mit Geld ruhig gestellt aber sonst allein gelassen werden», so Daum.

Während die Experten weiterhin um das wie, wo und wieso von Sozialfirmen diskutieren, bringt SKOS-Vizepräsident Rolf Maegli das eigentliche Problem auf den Punkt: «Sozialfirmen helfen 30 Prozent der Betroffenen zurück in den Arbeitsmarkt. Das ist sehr wenig. Für den Rest muss man andere Lösungen finden.»

Lösungen, die so individuell sind wie die Lebensgeschichten eines jeden Armen in der Schweiz. Daum fordert deshalb auch kein Patentrezept, sondern «individuelle, flexible Instrumentarien, die mit Mut eingesetzt werden». Mut bedeutet für Daum, dass eine Massnahme rasch wieder abgesetzt wird, sollte sie keine Wirkung zeigen.

Einen sekundären Arbeitsmarkt, Niedriglohnsektoren in den verschiedenen Branchen, halten Daum und Maegli für notwendig. «Im sekundären Arbeitsmarkt können die Menschen bestehen, die es im normalen Arbeitsmarkt nicht schaffen», ist Maegli überzeugt.

Problem vertagt

Das Fazit nach eineinhalb Stunden Diskussion im «Club» ist so komplex wie ernüchternd: Ideen gibt es viele, aber die wirkliche Motivation, sie umzusetzen scheint zu fehlen. Wie kann es sonst sein, dass die Caritas jetzt erstmals Zahlen zur Armut in der Schweiz erhebt? Liegt es an dem, was Daum sagt? «Bei allem Verständnis für Betroffene, sind wir in der Schweiz nicht so schlecht dran. Es gibt viele, die nie lernten zu arbeiten, zum Beispiel viele Ausländer, die jetzt immer mehr marginalisiert werden.» Ist der Leidensdruck schlicht nicht gross genug? Oder ist der Berg an Arbeit zu hoch, den man abtragen müsste, um das Problem Armut in der Schweiz in den Griff zu bekommen? Und gibt es nicht immer Themen, die gerade drängender sind?

So kommt es im «Club» zu einer letzten, erneut symptomatischen Szene: Viele wichtige Fragen konnten in der Sendezeit nicht angesprochen werden. Gesprächsleiterin Maier vertagt die Diskussion auf ein anderes Mal. Es werde sicher bald wieder eine Runde über Armut geben, meint sie.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2010, 15:29 Uhr

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53 Kommentare

Hans Breitenmoser

06.01.2010, 12:47 Uhr
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Ein grosses Lob an die newsnetz-Redaktion, dass sie an dieser Stelle aktive Medienkritik betreiben. Die Medien sollen und dürfen sich ruhig selber unter die Lupe nehmen. Antworten


Rudolf Gähler

06.01.2010, 11:37 Uhr
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Die SKOS definiert Armut in einer unzulässigen Art. Arm sei, wer sehr viel Zeit damit aufwende, Beitreibungen entweder zu entgehen oder das Geld für solche aufzubringen. In anderen Worten, arm ist, wer über seine Verhältnisse lebt. Wen wundert's, dass es in der Schweiz - nach dieser Definition - 900'000 arme Leute geben soll. Für viele Konsumverwöhnte wird es Zeit, den Gürtel enger zu schnallen. Antworten



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