Kultur

TV-Kritik: Auf der Fernseh-Strafbank

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 10.01.2012 12 Kommentare

Mit grossem Tamtam und Shakira an Sepp Blatters Seite wurde gestern in Zürich der Weltfussballer des Jahres gewählt. Die Sendung war so spannend wie ein Spiel um Platz 3, aber zwei Witzbolde retteten die Show.

1/10 So sieht Langeweile aus: Christian Karembeu, schöne Frau, Lothar Matthäus.
Bild: Screenshot Eurosport

   

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Stars und Prominenz in der Limmatstadt

Stars und Prominenz in der Limmatstadt
Die Vergabe des Ballon d'Or im Zürcher Kongresshaus.

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Die Vergabe des Ballon d'Or im Fussball ist das Pendant zu den Oscars in Hollywood. Das grosse Trara vor der Verleihung ist beiden gemein, ebenso der rote Teppich und die schönen Frauen – wobei diese beim Ballon d'Or stark in der Minderzahl sind und nicht unnötig in den Vordergrund gedrängt werden, besonders diejenigen nicht, die mit Fussball ebenso wenig zu tun haben wie die Frauen im Autosalon mit Autos.

Nebst den drei Nominierten für den Weltfussballerin-des-Jahres-Titel kamen bloss Shakira zum Einsatz (die eine Trophäe übergeben und neben Sepp Blatter sitzen musste) und Moderatorin Kay Murray («The Football Barbie», wie die frühere Fussballerin auch genannt wird). Sie führte an der Seite von Ruud Gullit charmant durch den Abend im Zürcher Kongresshaus.

Blatter bohrte in der Nase

Die gestrige Fifa-Gala versetzte die Limmatstadt gehörig in Aufregung. Wann sonst sind an einem Schweizer Anlass so viele Superstars zugegen. Der rote Teppich wurde ausgerollt, die Fans strömten herbei (um die 500 sollen es gestern gewesen sein), die Stars gaben freundlich Autogramme (ausser Zinedine Zidane, der sich weigerte) und zeigten ihre neuen Sakkos (Lionel Messi stach mit seinem dunkelroten Samtanzug besonders heraus). Die Fanfaren im TV erklangen und dann –  Öde. Genau wie bei der alljährlichen Oscar-Verleihung. Die Stars rutschen jeweils auf ihren Stühlen herum, und der Regisseur hat je länger je mehr Mühe, eine Einstellung ohne gelangweilte Gesichter zu erwischen.

In Zürich passierte das Missgeschick schon bei einem der ersten Schwenker ins Publikum: Die Dame zwischen Christian Karembeu und Lothar Matthäus schaute derart gelangweilt drein, dass sich die Regie ab diesem Zeitpunkt nur noch auf die Fussballer und auf Shakira konzentrierte, die nicht neben ihrem Freund Gerard Piqué sitzen durfte, sondern neben Sepp Blatter platziert wurde. Als Dank bohrte dieser vor laufender Kamera in seiner Nase (und er war nicht der Einzige am gestrigen Abend).

Aber die Fifa-Gala war ja auch nicht so richtig spannend. Das sind Veranstaltungen, in denen Sportler geehrt werden, eigentlich nie. Geht es nicht um Goals oder um die Bestzeit oder um den Matchball, ist die Luft irgendwie schon von vornherein draussen. Ein Glück, dauerte die Sendung nur eine Stunde, was zu einem ständigen Auf und Ab auf der Bühne führte. Denn es wurde allerhand geehrt, unter anderem der beste Damentrainer, das beste Goal oder der beste Fairplayer. Dazu gab es relativ spektakuläre Fussballeinspieler mit hymnenartiger Musik und auch im Publikum gab es einiges zu gucken. Lionel Messi, Xavi, Pelé, Wayne Rooney – fast alle waren sie da, wohl nicht ganz freiwillig, wie manchem Gesichtsausdruck abzulesen war. Bloss Cristiano Ronaldo kam um die Fernseh-Strafbank der Fifa-Gala herum. Er grüsste mit seinen Kollegen von Real Madrid per Videobotschaft und grinste am Bildrand wie Barbies Ken.

Die Retter von «Eurosport»

Am besten hatten es gestern Abend aber all diejenigen, die kein Englisch sprechen (wie offenbar viele Fussballer, von der Basis bis an die Spitze. Siehe, beziehungsweise höre Blatters Ode an Alex Ferguson). Die konnten nämlich bei «Eurosport» zu den deutschen Kommentatoren schalten, die von Sportlerehrungen offenbar auch wenig halten. Markus Theil und Andreas Jörger liessen keine Gelegenheit aus, um über alles und jeden zu spotten. «Gefallen dir die Haare von Wayne Rooney? Er hat sie ein bisschen geschnitten», sagte der eine. «Wer Haare hat, soll sie schneiden wie er kann», konterte der andere. Später musste Rooney nochmals einstecken, als Neymar für das tollste Goal im Jahr 2011 geehrt wurde. «Eine schicke Frisur hat der, da kann sich Wayne Rooney noch eine Scheibe davon abschneiden.» Auch für den ehemaligen Weltfussballer Ronaldo gab es einen Kommentar: «Die Haare sind ein bisschen gewachsen und auch sonst hat er ein bisschen zugenommen.»

Herrlich auch der Moment, als der japanische Nationaltrainer als bester Damentrainer geehrt wurde. Der hielt seine Rede auf Japanisch (ohne Übersetzung), genau wie später die Weltfussballerin des Jahres, Homare Sawa. «Da kommt gerade nicht so viel aus dem Kopfhörer», meinte der eine, nachdem er bezweifelt hatte, dass Sawa es in ihrem Kimono überhaupt auf die Bühne schaffe. «Wir lassen sie einfach mal sprechen und geniessen die Sprachmelodie des Japanischen.» Als schliesslich Blatter – eben noch im Publikum sitzend – schon wieder auf der Bühne stand, sagte der eine: «Blatter hat den Weg von unten nach hintenrum und wieder nach vorne gefunden. So ist es auch in der Sportpolitik, da muss man hie und da Umwege gehen.» Das animierte seinen Kollegen zum freudschen Versprecher «Blatter hat sich ja,... ist wieder mal gewählt worden.»

Und dann – übrigens, Lionel Messi, wer sonst, wurde wieder Weltfussballer des Jahres – war die Aufregung schon wieder vorbei und Zürich wieder seines Glamours beraubt. Aber bald steht ja schon die nächste grosse Gala an, die Wahl zum Schweizer des Jahres, allerdings mit Stars aus einer ganz anderen Liga. Was werden wir uns dannzumal nach der zackigen Fifa-Gala sehnen, den wirklichen Stars und den beiden Kommentatoren von «Eurosport».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 10:18 Uhr

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12 Kommentare

karl stöcklin

10.01.2012, 10:40 Uhr
Melden 32 Empfehlung

eigens schulterklopfenveranstaltung - nennt man überflüssige veranstaltungen :)) Antworten


Maco Keller

10.01.2012, 11:06 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Von solchen Kommentatoren könnten sich die SF-Delegation ein grosse Scheibe abschneiden. So wird kommentiert und moderiert!! Antworten



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