TV-Kritik: Botox und Berge
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 15.08.2011 113 Kommentare
Kritik, Rating, Diskussion
Montag ist «Tatort»-Tag auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet!
Die beliebteste Krimiserie des deutschsprachigen Raums ist zurück im Schweizer Fernsehen. Lesen Sie jeden Montag die Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.
Rating
Folge: «Wunschdenken»
Umfrage
Wie viele Sterne verdient die Folge?
1 Stern
2 Sterne
3 Sterne
4 Sterne
5 Sterne
2185 Stimmen
Dossiers
Artikel zum Thema
- Deutsche Presse verreisst Schweizer «Tatort»
- SF zieht ersten Schweizer «Tatort» zurück
- TV-Kritik: Kick it like Gülüc
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Was lange währte, wurde bekanntlich nicht so gut. Im Frühling hätte der erste Schweizer «Tatort» seit neun Jahren ausgestrahlt werden sollen. Doch die Folge, die ausgerechnet «Wunschdenken» heisst, wurde von der neuen SF-Kulturchefin zurückgezogen. Die Leistung der Hauptdarstellerin liess offenbar zu wünschen übrig. Zudem fehlte es an Witz und Spannung. Auch klischierte Schweiz-Bilder wurden bemängelt sowie eine Sexszene, die als «zu heiss» eingestuft wurde. Die Entscheidung sorgte für medialen Rummel. Schuldige wurden präsentiert, neue Gerüchte gestreut. Notabene hatte niemand die Folge gesehen. Dann wurde «Wunschdenken» überarbeitet und gestern ausgestrahlt.
Zu Beginn sieht man, wie Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) vom Bodensee nach Luzern einrückt. Am Fundort einer Wasserleiche legt er einen Flirt mit der mit Botox vollgepumpten amerikanischen Austauschpolizisten Abby (Sofia Milos) hin, bevor er mit ihr im Fall eines entführten Politikers zu ermitteln beginnt. Das alles ist elegant inszeniert; die Impressionen von Luzern und Umgebung sind nicht besonders klischiert. Klar, der See und die Berge rücken immer wieder ins Bild. Doch dort siehts nun mal so aus.
Englische Sprachfetzen
Allerdings bewahrheitet sich schon in der ersten Szene zwischen Gubser und Milos: Das aufgesetzte Spiel der Amerikanerin ist eine Katastrophe, nein: EINE KATASTROPHE. Wobei die Frau nicht einmal etwas dafür kann. Ihre Rolle (eine unausgegorene Mischung aus Polizistin und Vamp) lässt nichts anderes zu. Peinlich sind auch die englischen Sprachfetzen («Hands up in the air!»). Nicht einmal ihre Sexszene taugt. Entschärft, blieb davon nur das Vorgeplänkel. Sie erinnert nun an eine jener Pornofilmszenen, wo die Akteure noch ihre Kleider tragen und schauspielerisch überfordert sind. Das hätte man lieber auch gleich weggelassen.
Kurzum, was der Drehbuchautor mit der Abby-Figur im Sinn gehabt hat, bleibt wohl auf ewig sein Geheimnis. In der nächsten Folge ist sie jedenfalls nicht mehr dabei – und das ist gut so. Doch zurück zum Fall. Die Ehefrau des entführten Politikers hat einen Erpresserbrief gekriegt. Doch bei der Übergabe taucht niemand auf. Flückiger verdächtigt einen Rechtspopulisten der Entführung. Abby stellt inzwischen einen Zusammenhang zwischen der Wasserleiche und dem Politiker her: Beide waren in der gleichen Haftanstalt. Die Leiche als Insasse, der Politiker als Leiter. Irgendwann kommt noch ein Privatdetektiv ins Spiel sowie ein Pärchen, das die Wasserleiche auf dem Gewissen hat und RAF-mässig knutschend im Kugelhagel der Polizei stirbt. Ein ziemliches Durcheinander also, was vor allem daran liegt, dass sich der Film von Figur zu Figur hangelt, ohne je eine wirklich einzuführen.
Wie «Ein Fall für zwei»
So kompliziert der Ablauf und der Personenaufmarsch, so banal ist das Milieu: Es existiert gar nicht. Zwar ist man als «Tatort»-Zuschauer ja durchaus froh, wenn mal keine ethnische Minderheit oder irgendein kurliger Verein herhalten muss, um der Geschichte den nötigen Sozialtouch zu verleihen. Aber eine Entführung und ein Mordfall, in den am Schluss natürlich auch die Frau des Opfers verwickelt ist, reicht vielleicht für «Ein Fall für zwei», für einen «Tatort» ist es zu wenig. Dasselbe gilt für die Charaktere. Müsste man nicht gerade in der ersten Folge Schwächen und Stärken der Figuren etablieren? Gubsers Kommissar Flückiger aber bleibt seltsam glatt. Oder ist er – wie die zwei Bettszenen vermuten lassen könnten – sexsüchtig? Das wäre mal eine gewagte Idee. Womit wir bei der positiven Nachricht sind: Der Schweizer «Tatort» hat – vor allem im Drehbuchbereich – noch grosses Entwicklungspotenzial. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.08.2011, 08:08 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
113 Kommentare
Ich weiss ja nicht, wie das Schweizer Fernsehen den Tatort ausgestrahlt hat. In der ARD jedenfalls lief eine Pseudo-Synchronfassung, in welcher unsägliches "Hochdeutsch" gesprochen wurde. Peinliche Helvetismen feierten Urständ... Unerträglich. Bitte Schweizer Filme entweder untertiteln oder mit korrekt sprechenden Leuten synchronisieren. (Auch die HERBSTZEITLOSEN, kürzlich im BF, waren schlimm) Antworten
Vielleicht hat der Schweizer Tatort tatsächlich im Drehbuchbereich Entwicklungspotenzial. Aber m.E. sieht das bei Gubser anders aus. Ihm geht jegliches Potenzial ab. Warum man partout an diesem Herrn Gubser festhalten muss, ist mir ja schleierhaft. Antworten
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!




Bitte warten



