TV-Kritik: Das ist ADHS
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 11.11.2011 46 Kommentare
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Urs Hunziker, Chefarzt des Kantonsspitals Winterthur, hat einen strengen Abend und wohl eine kurze Nacht hinter sich. Der ADHS-Experte war im gestrigen «DOK» zum Thema «Hyperaktive Kinder – Modeerscheinung oder Warnsignal?» zu sehen. Im Anschluss an die Sendung stellte er sich in einem Live-Chat den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer und wurde regelrecht überschwemmt.
Fast bis Mitternacht beantwortete der Mediziner beinahe im Minutentakt Fragen rund ums Thema Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, einer Mangelerscheinung im Gehirn, die man oft mit Medikamenten wie Ritalin wettzumachen versucht. Und wenn der Chat nicht abgebrochen worden wäre, wäre er vermutlich jetzt noch dran.
Zappelig, aggressiv
Mit der Frage: «Sind unsere Kinder krank oder spinnt unsere Gesellschaft?», startete die Reporterin Michèle Sauvain ihren «DOK»-Film, den sie anhand von drei ADHS-Kindern erzählte. Während man bei der 14-jährigen Celine und dem 12-jährigen Dominik kaum glauben konnte, dass sie tatsächlich ADHS haben (Celine nimmt seit sechs Jahren Ritalin, Dominik geht es seit einer Auszeit auf der Alp besser und er wird seither von einem Sozialpädagogen begleitet), litt man mit dem neunjährigen Kilian mit.
Der schmächtige Junge ist zappelig, hat Probleme in der Schule, Versagensängste. Die Kamera war dabei, als er auf dem Schulhausplatz plötzlich austickte und zwei Schülern Ohrfeigen verpasste, obwohl beide mindestens einen Kopf grösser und ein Drittel schwerer waren. Es war traurig mit anzusehen, wie ihn die krankheitsbedingte Last beinahe erdrückte und er in der integrativen Schule unterging. Das ist die eine Seite der ADHS-Problematik, für sie gilt wohl Michèle Sauvains erster Teilsatz: Diese drei Kinder sind tatsächlich ADHS-krank und nicht nur, weil es gerade Mode ist.
ADHS kommt nicht gehäuft vor
Auf der anderen Seite scheint unsere Gesellschaft tatsächlich zu spinnen. «Wenn ein Kind in der Schule dreimal den Bleistift fallen lässt, heisst es sogleich, es habe ADHS», sagte Dominiks Sozialpädagoge. Auch Urs Hunziker bemängelte, dass man mit dem Begriff zu locker umgehe. Am Kantonsspital Winterthur hat er ein Abklärungszentrum für Kinder mit psychischen Problemen eingerichtet. «Wir haben eine Warteliste von sechs Monaten», sagte er. Bei etwa der Hälfte dieser Abklärungen gehe es um ADHS.
Unsere Gesellschaft habe immer höhere Erwartungen an Kinder und es gebe in einer Klasse oft mehr auffällige Kinder als normale, wurde ein Aspekt der Problematik gestern kurz angetippt. Gemäss Statistiken haben drei bis vier Prozent der Kinder tatsächlich ADHS, Tendenz überraschenderweise nicht steigend, wie selbst der «Ritalin-Papst» Meinrad Ryffel bestätigte, der in seiner Praxis rund 300 Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom behandelt, vorzugweise mit Ritalin. Und was ist mit all den übrigen, die sich auffällig verhalten und fälschlicherweise den ADHS-Stempel verpasst bekommen? Was sind die möglichen Auslöser? Wo genau liegt der Unterschied zwischen einem tatsächlich kranken Kind und einem, das aus einem anderen Grund auffällig ist? Was sind die genauen Anzeichen von ADHS? Darauf gab es keine Antworten.
Keine Ritalin-Diskussion
Auf den Aspekt «spinnt unsere Gesellschaft?» ging die Reporterin also nur am Rande ein. Lieber konzentrierte sie sich auf diejenigen, die tatsächlich unter ADHS leiden. Der grosse Ritalin-Streit wurde im «DOK» ebenfalls nicht entfacht. Alle waren sich einig, dass Ritalin manchmal der einzige Ausweg ist. Eindrücklich waren die Voten der Klassenkameraden von Dominik und Kilian, die beteuerten, es sei viel besser, seit sie die «richtigen Pillen» hätten. Auch bei den drei Müttern im Film kam nicht der Eindruck auf, sie würden ihren Kindern das Medikament leichtfertig verabreichen. Dass die 14-jährige Celine es auf keinen Fall absetzen will, weil sie schlechte Noten befürchtet, sprach für sich.
Viele Aspekte wurden im «DOK» angetippt, etwa auch, dass nicht alle Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auch hyperaktiv sind. Es war, als ob die Reporterin uns das Inhaltsverzeichnis des gesamten Problems aufzeigen würde. Für mehr reichten die 60 Minuten nicht. Sie haben aber dennoch einen guten Eindruck vermittelt (vor allem mit dem Protagonisten Kilian) und das Bedürfnis geweckt, mehr über ADHS – oder eben nicht ADHS – wissen zu wollen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.11.2011, 10:14 Uhr
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46 Kommentare
Dass die 14-jährige Celine es (Ritalin) auf keinen Fall absetzen will, weil sie schlechte Noten befürchtet, sprach wohl nicht für sich, sondern vermutlich vom Erfolgs-Druck der Schule und der Gesellschaft, in das Schema der Grauen hinein zu passen... Antworten
Nein ich denke nicht das unsere Kinder krank sind, ich denke das Umfeld für Kinder ist krank. Wo dürfen sie sich noch so richtig auspowern ohne das Nachbarn, Hauswarte oder gar Polizei eingreift? Ich bin auch dafür das Kinder wissen und erfahren wo Rücksicht und Anstand gefordert sind, aber auf den modisch und "kindgerechten" und stylischen Spielplätzen sind Phantasie und Power oft fehl am Platz Antworten
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