TV-Kritik: Dem Tod von der Schippe gesprungen
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 18.03.2010
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Jedes Jahr sterben in der Schweiz Dutzende bei Lawinenunglücken - Grund genug für einen Reporter, sich dem Thema zu widmen. Patrick Schellenberg hat das versucht. Mit Monika Leuthold hat er eine Überlebende gefunden. Bei einer Tour am Oberalppass geriet sie in eine Lawine, ohne Suchgerät. Bewegungsunfähig und halb erfroren harrte sie 30 Minuten unter den Schneemassen aus. Mit ihrem Leben hatte sie schon abgeschlossem und wartete auf den Tod, da wurde sie in letzter Sekunde gefunden und gerettet.
Eine schöne Geschichte. Schellenberg begleitet das Ehepaar Leuthold noch einmal zum Unglücksort und lässt, zu leicht melancholischer Musik, erzählen, was damals in ihnen vorging. Monika Leuthold erzählt, wie sie kurz vor dem Lawinenniedergang ein ungutes Gefühl überkam. Zeigt, wo sie stand, als sie die Lawine sich lösen sah, dass sie wie gelähmt war und sich dann zur Kugel zusammenrollte, um den Kopf zu schützen. Schildert die immense Einsamkeit, die sie beim Warten auf Rettung empfand. Wie sie auf ihren Tod wartete, nicht wissend, dass ihr Mann auf dem Lawinenkegel fast den Verstand verlor vor Sorge. Aber sie springt dem Tod von der Schippe.
Der Retter
Die Erinnerung an die Schreckminuten gibt natürlich noch keine halbstündige Sendung her, also wird Monika Leutholds Schicksal mit einer Lawinensuchübung unter der Leitung von Juanito Ambrosini gegengeschnitten. Wir sehen ihn im Helikopter, der eine Markierung abwirft, das hektische Wühlen seiner Mannen im Lawinenkegel - schliesslich zählen bei der Rettung Sekunden -, wir erfahren vom beglückenden Gefühl, einen Mensch lebend aus den Schneemassen zu bergen. Weil selbst das noch nicht genug für die Sendung hergibt, dürfen wir darüber hinaus Juanito Ambrosini bei sich zu Hause besuchen, wo er mit seiner Frau über seine Berufung plaudert. Und wir begleiten Juanito in die Rega-Station in Locarno, wo er an einem Sonntag Dienst leistet. Es ist ein guter Tag für die Lawinenretter, aber ein schlechter für den Reporter: Es gibt keinen Notfall.
Fürs Drama bürgen also nur die Leutholds, die sich fürs Fernsehen immer weitere bange Sekunden vor der Rettung und die konfusen Gefühle danach in Erinnerung rufen. «Es war eine immense Nahtoderfahrung», sagt Monika Leuthold und blickt melancholisch ins Weite. «Die ersten Atemzüge waren süsseste Luft. Aber ich war auch verwirrt.»
Der Lawinenhund
Verwirrt ist man auch als Zuschauer ein bisschen, denn schon geht es wieder zu den Lawinensuchern zurück, diesmal gräbt sich der Reporter mit der Kamera im Schnee ein und lässt sich von einem Lawinensuchhund ausbuddeln. Der Hund findet den Reporter schnell, Belohnung kriegt er aber erst zum Schluss. «Der Kampf um Leben und Tod ist für ihn nur ein Spiel, er tut es nur für die Belohnung.» Roberto Costa, der Lawinenhundführer plaudert auch etwas aus dem Nähkästchen. Zwei Jahre dauert es, bis ein Hund zum Lawinenhund ausgebildet wird. Wenn man als Retter unterwegs sei, kriege man gewaltigen Respekt vor diesen Schneemassen.
Der Fernsehzuschauer hätte es sicherlich auch begrüsst, wenn ihm etwas mehr Respekt eingeflösst worden wäre. Das gelingt der Sendung leider nicht, zu konfus das Konzept, zu unspektakulär die Bilder, zu losgelöst das Einzelschicksal. Eine vergebene Chance.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.03.2010, 09:24 Uhr
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